Andermatt: Global Village (2015)

Andermatt: Global Village (2015)

  1. 90 Minuten

Filmkritik: Milliardenschwerer Ägypter mischt Schweizer Berge auf

51. Solothurner Filmtage 2016
Natur pur
Natur pur © Studio / Produzent

Das Dorf Andermatt fristet seit der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels ein eher einsames Dasein, da der Verkehr in Richtung Tessin nun durch den Tunnel statt über den Pass führt. Doch im letzten Jahrzehnt hat es zweifelhaften Ruhm erlangt, da ein vermögender Investor ein Grossbauprojekt auf die Beine gestellt hat, um ein Luxusresort inklusive 18-Loch-Golfplatz und Villen zu bauen.

Ein Grossprojekt - nicht ganz zum Wohle aller Andermatter
Ein Grossprojekt - nicht ganz zum Wohle aller Andermatter © Studio / Produzent

Die Dokumentation folgt den einzelnen Schritten, von der Planungsphase bis zum Aufrichtungsfest der ersten Luxusvilla. Dabei kommen die Bewohner Andermatts zu Wort, befürworten das Projekt oder sprechen sich dagegen aus, auch wenn Widerstand zwecklos scheint. Ist das Projekt eine Chance oder vielmehr ein Schritt in die falsche Richtung für ein einst florierendes Tourismusgebiet? Wird es überhaupt jemals wieder werden, wie es einmal war?

Andermatt: Global Village ist eine Dokumentation über ein Bauprojekt in einem kleinen Dorf inmitten der Schweizer Berge. Der Film beschreibt und beäugt aber eher teilnahmslos das Geschehen, rapportiert die Vorgänge chronologisch und lässt ansässige Befürworter sowie Gegner zu Wort kommen, ohne wirklich wertend zu werden.

Der Film von Leonidas Bieri ist eine eher unscheinbare Dokumentation, welche sich der Region Andermatt und dem dort entstehenden Tourismusprojekt widmet. Sie dürfte Zuschauern, welche weder mit der Region noch mit dem Schweizer Filmschaffen zu tun haben, wohl eher kaum ins Auge fallen. Das Werk bietet zu wenig Diskussionsstoff, um Anschluss an wesentliche Genrevertreter (wie zum Beispiel More than honey) zu halten.

Zu still und teilnahmslos wird hier mehr beobachtet und Reportage erstattet, zu keiner Zeit wirklich angeklagt und bezweifelt, aber auch niemals werden Lobeshymnen auf das Projekt gesungen. Zu Wort kommen zwar Gegner wie auch Befürworter, Gewinner sowie Verlierer des Projekts. In gewohnter schweiz-neutraler Diplomatie werden Verlierer aber eben auch als Gewinner mit "neuen Möglichkeiten und Herausforderungen" und Gewinner als "schliesslich doch etwas enttäuschte Verlierer" gezeigt, sodass bald klar wird, dass sich doch jeder damit abgefunden hat, was da nun in Andermatt Grosses entstehen soll.

Einzig der Landwirt Thomas Regli kann dem Wahnsinnsprojekt noch am ehesten entgegenwirken. Aufgrund des Bauprojekts musste er seinen Hof aufgeben, worauf er eine Auszeit in Australien genommen hat und jetzt schliesslich mit einem neuen Projekt beginnt: einer Wiedereröffnung der ehemaligen familiären Gaststätte. Doch auch hier ist's mehr der Mut der Verzweiflung, denn auch er weiss, dass er die Vorgänge nicht zu stoppen vermag. Auf jeden Fall agiert er als sympathischer Pol, welcher nicht krampfhaft versucht, auf einen fahrenden (Business-) Zug aufzuspringen, wie dies andere tun.

Gegliedert ist das Werk in fünf Etappen, von der Planung 2008 bis zur Eröffnung der ersten Privatvilla. Gezeigt wird die gesamte Entstehung inklusive Spatenstich und diversen anderen Anlässen, jeweils in Anwesenheit des ägyptischen Geschäftsmannes. Was bleibt nach dem Film? Die Gewissheit, dass sich ausländische Investoren in der Schweiz noch immer nach Herzenslust austoben würfen, wenn sie nur mit genügend Scheinchen wedeln. Da werden sogar Steuerzahlungen erlassen.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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Trailer Schweizerdeutsch, mit deutschen Untertitel, 01:47