Amy (2015)

Amy (2015)

Amy: The Girl Behind the Name
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  3. 128 Minuten

Filmkritik: You know I'm no good

Vom Mädchen...
Vom Mädchen...

Im Jahr 2003 tourt eine knapp 20-jährige jüdische Sängerin aus Nord-London durch die Musikclubs in der britischen Pampa. Ihr Name: Amy Winehouse. Im Gegensatz zu vielen Alterskolleginnen macht sie nicht einfach seichte Popmusik, sondern singt Jazz-Songs, die sie grösstenteils selbst geschrieben hat. Dank ihrer markanten Stimme wird sie schnell zu einem Geheimtipp und kann mit Hilfe ihres Managers Nick Shymansky auch ihr erstes Album "Frank" produzieren.

...zum Superstar.
...zum Superstar.

Doch mit dem Erfolg lernt die eigentlich schüchterne junge Frau auch die Schattenseiten des Ruhms kennen: Erste Drogenerfahrungen lassen nicht lange auf sich warten. Die Partys werden noch wilder, als sie in den hippen Londoner Stadtbezirk Camden zieht und sich dort in den Bad Boy Blake Fielder-Civil verliebt. Dieser führt sie auch an die richtig harten Drogen heran. Dennoch macht Amy weiterhin erfolgreich Musik und landet 2006 mit dem Album "Back to Black" einen internationalen Smashhit. Nun ist Amy Winehouse ein gefeierter Weltstar, alle wollen etwas von ihr. Doch der intensive Alkohol- und Drogenkonsum ist nicht spurlos an ihr vorbeigegangen...

Die aufwändig zusammengestellte Dokumentation von Asif Kapadia trumpft gross auf mit unzähligen bisher unveröffentlichten Archivaufnahmen und Interviews mit allen Personen, die in Amy Winehouses Umfeld Rang und Namen hatten. Das ist interessant und angesichts des tragischen Endes des Stars auch bedrückend. Wenn der Film mit über zwei Stunden auch etwas gar lange dauert, so ist er doch ein würdiger Abschied der jungen Frau, die das "Yolo"-Prinzip etwas zu konsequent ausgelebt hat.

Manche mögen sich an eigene Erfahrungen von Amy-Winehouse-Konzerten erinnern: entweder weil sie abgesagt wurden oder weil die Sängerin dermassen von der Rolle war, dass das Konzert ein Desaster wurde. Bereits damals wurde ihr ein kurzes Leben prophezeiht - was sich ja leider bewahrheitet hat: Am 23. Juli 2011 starb die Frau mit der unverwechselbaren Stimme an einer Alkoholvergiftung.

Die Dokumentation Amy wirft nun das Scheinwerferlicht auf die Person hinter den Skandalen und dabei zeigt sich, dass sich hinter der Kunstfigur Winehouse, wie sie aus den Medien bekannt war, ein sensibler Mensch verbarg. Regisseur Asif Kapadia, der mit seinem Senna-Film bereits Erfahrung mit gefallenen Helden aufweist, hat dafür eine beeindruckende Zahl an Archivaufnahmen aus frühen Tagen auftreiben können, die man hier erstmals überhaupt zu sehen kriegt. Es ist kaum zu glauben, wie gut Winehouses Leben bereits zur Kindheit oder zu den Anfängen ihrer Karriere dokumentiert war. Als ob immer schon festgestanden hätte, dass sie dereinst ein grosser Star werden würde.

Die Archivaufnahmen sind auch beklemmend, weil sie schonungslos den Kontrast zwischen der sympathischen jungen Frau aus frühen Jahren und dem Drogenwrack aus späteren Tagen darlegen. Natürlich ist dabei auch ein gutes Stück Voyeurismus mit im Spiel. Ein wenig schämt man sich, hier an der definitiven Ausweidung der Person teilzunehmen, die nicht nur, aber auch ein Stückweit am gigantischen Medienrummel um ihre Person zerbrochen ist.

Neben den Archivaufnahmen hat Kapadia eine stattliche Zahl an Kronzeugen für sein Projekt gewinnen können, von ihrem ersten Manager über ihren Vater bis hin zum skandalumwitterten Ehemann Blake Fielder-Civil, der an ihren Drogen-Eskapaden zumindest eine Mitschuld trug. Die Interviewten wurden dabei nicht gefilmt, sondern sprechen aus dem Off über die Archivaufnahmen. Sie hatten offensichtlich mehr zu sagen, als Filmmaterial vorhanden war, weshalb der Regisseur zeitweise auf den alten Dokfilm-Trick zurückgreifen muss, Aufnahmen in Zeitlupe abzuspielen. Das zieht den Film dann ein wenig in die Länge, was sich an einer für das Genre stattlichen Laufzeit von rund 130 Minuten bemerkbar macht.

Natürlich gibt's keine Musiker-Doku ohne Musik. Die wird in Amy in Form von zahlreichen Live-Mitschnitten geboten, wobei jeweils die von ihr selbst geschriebenen Lyrics eingeblendet werden. So ist es gleich nochmals bedrückend, wenn dem Zuschauer vor Augen geführt wird, wie viel von ihrer eigenen Geschichte tatsächlich in ihren Songs steckt. Man wird eingängige Refrains wie diejenigen zu "Back to black" oder "Rehab" wohl nicht mehr so unbeschwert mitgrölen können. So toll das Lied auch ist - im Nachhinein wünscht man sich doch, sie hätte zur Rehab nicht "No, no, no" gesagt.

/ ebe

Kommentare Total: 7

miss_aguilera_ch

Klasse Film! Es wird gezeigt, dass Amy nicht die ist, für die man sie gehalten hat oder die Medien sie haben aussehen lassen. Wie gross die Schuld ihres Vaters oder ihres Mannes an ihrem Tod war wird auch deutlich gezeigt. Amy wurde in den Medien als Vollzeit-Junkie gezeigt... Das war sie nicht. Sie wurde nicht freiwillig zu dem, was sie am Schluss war... Hätte sie Blake fielder-Civil nie getroffen wäre sicher einiges anders gelaufen und sie würde heute bestimmt noch leben. Auch ihr Vater trägt eine grosse Schuld an ihrem Tod. Ich kann mit Amy persönlich nicht viel anfangen, die Musik war jedoch grosse Klasse. Der Film interessierte mich trotzdem und auch wenn ich kein Fan von ihr bin, und der Film hat meine Sichtweise nachhaltig verändert.

ebe

Danke für deinen Beitrag, Nummer1. Bevor die Diskussion nun abdriftet, möchte ich gerne darauf hinweisen, dass es hier um den Film Amy gehen soll. Das Thema "Öffentliches Trauerverhalten nach dem Tod eines Prominenten" wäre natürlich zweifellos auch eine Diskussion wert. Wenn du eine solche anreissen willst, bitte ich dich, einen entsprechenden Thread im allgemeinen Forum zu eröffnen.

Nummer1

Tragisch ist so vieles! Tragisch ist, dass wir die Augen schliessen vor Dingen, die Abertausenden Menschen passieren. Tragisch ist, dass wir lieber irgendeiner kaputten Frau nachheulen, die nicht mit all dem Ruhm und dem Geld umgehen konnte.

Noch ein kleines Beispiel für typisches Trauerverhalten in unserer satten Welt? Robert Enke. Torwart und seit Jahren in psychiatrischer Behandlung. Suizid indem er sich vor einen Zug warf. (Oder wie es der grandiose Serdar Somuncu sagte: Der finale Elfmeter.)

Europaweite Bestürzung, Schweigeminuten, die Landesbischöfin spricht, 35.000 Menschen beim Trauermarsch, Spiele abgesagt, Gedenkfeier im Stadion, aufgebahrter Sarg, Trauerfeier von 5 Sendern live übertragen .......

Denkt eigentlich irgendeiner dieser trauernden Menschen auch nur eine Sekunde an den Lokführer, dessen Leben dieser Idiot gleich mit vernichtet hat? Hätte sich Enke nicht anders richten können? Tabletten, Waffen, erhängen, Aderlass ..... Dann hätte er nur sich ins Aus gestellt! Viel Spass beim Nachdenken.

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