Blind Massage - Tui na (2014)

Blind Massage - Tui na (2014)

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Filmkritik: Sehen, ohne sehen zu können

Weisse Pracht
Weisse Pracht © Travis Wei

Als kleiner Junge verliert Ma plötzlich sein Augenlicht. Die Ärzte sind ratlos und machen ihm jahrelang Hoffnung, dass sein Zustand nur vorübergehend sei. Als Erwachsener begeht Ma (Hunag Xuan) einen Selbstmordversuch, um seinem Schicksal zu entrinnen. Er wird gerettet und an eine Blindenschule gebracht, wo er lernt, mit seiner Behinderung zu leben. Er lernt zu lesen, mit dem Blindenstock zu arbeiten und erlernt schliesslich den Beruf des Masseurs. Zusammen mit anderen Blinden aus seiner Schule findet er eine Anstellung in einer Massagepraxis in Nanjing.

Aber nicht nur Ma ist blind. Yiguang (Mu Huaipeng) beispielsweise hat sein Augenlicht bei einem Unfall verloren und nimmt Ma mit in ein Bordell, wo er sich in die Prostituierte Mann (Huang Lu) verliebt. Dr. Wang (Guo Xiaodong) dagegen ist in unsaubere Geldgeschäfte seines Bruders verwoben, und seine Verlobte Kong (Zhang Lei) weiss, dass ihre Eltern Wang aufgrund seiner Blindheit nie als Ehemann akzeptieren werden.

Regisseur Lou Ye, in Schanghai geboren, begann seine Karriere zunächst mit experimentellen Kurzfilmen. 1993 erschein sein erster Spielfilm Weekend Lover. Mit Tui Na, seiner aktuellen Arbeit, bietet er eine Mischung aus Spielfilm und Dokumentation. Seine Kamera ist stets ganz nah an den Menschen dran, zeigt ihre Gesichter in Nahaufnahmen, schreckt nicht davor zurück, die Augen in den Mittelpunkt zu stellen.

Lou Ye arbeitete für seinen Film mit sehenden und blinden Darstellern und begleitet die Figuren ein Stück ihres Lebensweges. Durch die stete Nähe der Kamera und einer Tonspur, die jedes noch so kleine Geräusch hörbar macht, führt er den Zuschauer in eine fremde Welt. Für uns Blinde sind Sehenden Fremde und umgekehrt, heisst es einmal in dem Film. Viel Wahrheit liegt in den Worten. Mit Achtung und Bewunderung sieht man die Blinden ihren Alltag bewältigen, nicht nur simple Dinge wie essen oder kochen verrichten. Alle Figuren arbeiten in einer Massagepraxis und bewegen sich dort mit einer Leichtigkeit durch die Räume, die sich unsereins manchmal als Sehender wünscht.

Neben einer hohen Einfühlsamkeit, die der Film übermittelt, werden uns Sehnsüchte und Wünsche der Menschen in zeitweise eigenwilligen Bildern gezeigt. Manch eine der Figuren verzieht beispielsweise bei freudigen Ereignissen das Gesicht, als ob ihr etwas Schlimmes widerfahre. Deutlich wird vor allem, dass nicht alle Figuren mit ihrem Leben zufrieden sind. In vielen schwelt der Wunsch, einmal sehen zu können, das Gesicht einer Frau sehen zu können oder einfach nur einmal das Sonnenlicht.

Tui Na ist ein zeitweise berührender Film, der Einblick in eine tatsächlich fremde Welt bietet, auch wenn es dieselbe ist, in der wir leben. Er zeigt, dass Blinde sich nicht benachteiligt fühlen oder angesehen werden möchten, sondern den gleichen Respekt erwarten wie die Sehenden auch.

/ jst