St. Vincent (2014)

St. Vincent (2014)

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  2. 102 Minuten

Filmkritik: Bad Babysitter

"Komm, wir spielen die 'Titanic'-Szene!"
"Komm, wir spielen die 'Titanic'-Szene!" © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Der Kriegsveteran Vincent (Bill Murray) ist so etwas wie der Inbegriff des "Grumpy Old Man": Er ist zynisch, egoistisch und trinkt gerne einen über den Durst. Sein bester Freund ist seine Perserkatze, andere Menschen mag er generell nicht. Nur die schwangere Prostituierte Darka (Naomi Watts) lässt er gelegentlich an sich ran. Wegen seiner chronischen Spielsucht läuft er auch finanziell auf dem letzten Zacken und ist froh über Nebeneinkünfte aller Art.

Solche winken ihm, als im Nachbarhaus die alleinerziehende Mutter Maggie (Melissa McCarthy) und deren Sohn Oliver (Jaeden Lieberher) einziehen. Denn Maggie muss abends lange arbeiten und sucht jemanden, der auf Oliver aufpasst, wenn dieser von der Schule kommt. Obwohl ihm Kinder eigentlich ein Graus sind, sieht Vincent darin eine willkommene Gelegenheit, ein bisschen Cash zu machen. So wird er zum Babysitter der etwas anderen Art. Er lehrt Oliver, wie man sich gegen Mitschüler wehrt und besucht mit ihm Bars und Pferderennen. Dabei entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft, in der Vincent auch mal seine mürrische Maske ablegt.

Theodore Melfis Debütfilm erinnert in vielerlei Hinsicht an As Good As It Gets. Die Tragikomödie bietet eine ausgewogene Balance zwischen Humor und ernsten Momenten. Das mag etwas kalkuliert sein, doch verzeiht man es diesem schönen kleinen Film, der mit einem herrlich schlecht gelaunten Bill Murray auftrumpfen kann. Trotz des Zynismus seiner Hauptfigur ist der Film perfekt familientauglich und tut niemandem richtig weh. Diesem Rentner würde man glatt sein Kind anvertrauen. Oder...?

Wenn man als Regiedebütant mit Schauspielern wie Bill Murray, Naomi Watts und Melissa McCarthy arbeiten kann, hat man definitiv etwas richtig gemacht. Theodore Melfi ist dieses Glück vergönnt. Sein erster Spielfilm ist in erster Linie eine Bill-Murray-Show. Die auf den Komiker zugeschnittene Rolle des (un-)heiligen Vincent erinnert an diejenige von Jack Nicholson in As Good As It Gets - die anno dazumal bekanntlich mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Den mürrischen alten Herrn mit dem verborgenen Herz aus Gold gibt Murray mit einer nonchalanten Zurückhaltung, die ihm gut ansteht.

Da hat Jaeden Lieberher Mühe, mitzuhalten: Murrays junger Co-Darsteller bleibt eher blass. Melissa McCarthy als Olivers Mutter darf zumindest in einer Szene ein hemmungsloses Overacting bieten und dabei auch die Komikerin in ihr ausleben. Unterbeschäftigt ist hingegen ihr Kollege Chris O'Dowd in der Rolle von Olivers Lehrer. Neben diesen vielen gelernten Komikern sticht ein Name im Cast besonders heraus: Die Besetzung von Naomi Watts als schwangere russische Nutte mit hartem Akzent ist ein Gag der besonderen Art. Diese Idee scheint dermassen hirnverbrannt, dass sie schon fast genial ist. Die sonst eher seriös anmutende Schauspielerin ist in dieser grossartigen Fehlbesetzung jedenfalls neben Murray ein weiterer Pluspunkt des Filmes.

Dieser bietet ansonsten eine herzerwärmende, wenn auch sehr vorhersehbare Geschichte. Natürlich ist nur zu gut abzusehen, in welche Richtung sich diese ungewöhnliche Freundschaft entwickelt, doch man mag dies dem Film nicht übel nehmen; zu sympathisch sind die Figuren - so sympathisch, dass es auch die sich hart an der Kitschgrenze bewegenden Schlussminuten gerade noch knapp verträgt. Jedenfalls dürfen dort dann auch einige Tränchen der Rührung verdrückt werden.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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