Song of the Sea (2014)

Song of the Sea (2014)

Die Melodie des Meeres
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  3. 93 Minuten

Filmkritik: Kleider machen Robben

13. Internationales Festival für Animationsfilm Fantoche 2015
Familientreffen im Meer
Familientreffen im Meer © Praesens Film

Der etwa 10-jährige Ben (Stimme: David Rawle) lebt mit seinem Vater Connor (Stimme: Brendan Gleeson) und seiner Schwester Saoirse in einem Leuchtturm an der irischen Küste. Weil er seine Mutter bei Saoirses Geburt verloren hat, hat er kein sehr gutes Verhältnis zu seiner kleinen Schwester, die noch nie ein Wort gesprochen hat. Am Abend seines sechsten Geburtstags findet das kleine Mädchen den Schlüssel zu einer geheimnisvollen Truhe, in der sich ein weisses Mäntelchen befindet. Mit diesem Mäntelchen geht sie im Meer schwimmen - und verwandelt sich eine Robbe.

Roadtrip mit Oma
Roadtrip mit Oma © Praesens Film

Als die Grossmutter (Stimme: Fionnula Flannagan) das wieder menschgewordene Mädchen am Strand findet, besteht sie darauf, dass Connors Kinder von nun an bei ihr in der Stadt leben. Dort geht es Saoirse aber zunehmend schlechter. Von drei Feenwesen, die auf einer begrünten Verkehrsinsel leben, erfahren die Geschwister schliesslich die Wahrheit: Saoirse ist eine sogenannte Selkie aus der irischen Mythologie und muss mit ihrem Mäntelchen vereint sein. Denn nur mit diesem kann sie ihre Stimme finden und das Lied des Meeres singen, dank dem die Feenwesen in die Anderswelt Tír na nÓg reisen können. Um seine kleine Schwester zu retten, muss sich Ben nicht nur gegen den Unglauben der Erwachsenen durchsetzen, sondern auch gegen die gefühlsstehlende Eulenhexe Macha.

Meisterhaft verwebt der irische Regisseur Tomm Moore die Sagenwelt seiner Heimat mit den Freuden und Leiden einer kleinen Familie und wurde dafür zu Recht mit einer Oscarnomination belohnt. Die traurig-schöne, in traditionell handkolorierten Bildern erzählte Geschichte bezaubert durch eine wundervoll durchstilisierte Bildsprache und melancholische Musik. Entstanden ist eine kleine Filmperle: zauberhaft, ergreifend, und deshalb unbedingt sehenswert.

Bereits zum zweiten Mal - und wiederum absolut verdient - hat Regisseur Tomm Moore zwischen den üblichen Verdächtigen aus Hollywoods Trickfilmfabriken eine Oscarnomination für den besten Animationsfilm abstauben können. Gewonnen hat dann zwar Disney mit Big Hero 6, doch für die kleine irische Produktion Song of the Sea ist bereits die internationale Aufmerksamkeit wie ein Ritterschlag.

Umso schöner ist diese wiederholte Anerkennung, wenn man die deutliche Weiterentwicklung im Schaffen Moores und des irischen Animationsstudios Cartoon Saloon beobachten darf. Die Ähnlichkeiten zum Vorgängerfilm Brendan and the Secret of Kells, der 2010 ebenfalls völlig unerwartet für den Animationsoscar nominiert wurde (gewonnen hat damals Pixars Up), sind unverkennbar: Beide Filme zeigen ein ähnliches Characterdesign und verzichten bei den Zeichnungen gerne auf Tiefenwirkung, um wiederholt ganz bewusst auf eine stilisierte Flächigkeit zu setzen. Jedoch dominierte bei Moores Erstlingswerk die Form noch deutlich über den Inhalt, während die nicht immer ganz kindgerechte Story spätestens bei Halbzeit zu schwächeln begann.

Bei Song of the Sea stimmt nun aber das Gesamtpaket. Geblieben sind die detailreichen, traditionell handkolorierten Bilder, wenn auch der Geschichte angepasst etwas dunklere, melancholischere Farben verwendet wurden. Die ornamentalen Hintergründe sind nur noch vereinzelt zu sehen, jedoch wird mehrfach an die bildliche Erzählweise von Brendan and the Secret of Kells angeknüpft. Wer ganz genau hinschaut, kann übrigens noch weitere Übernahmen (unter anderem ein Gastauftritt von Aisling) aus dem Vorgängerfilm entdecken.

Die wundervollen Bilder wären aber nur halb so eindrücklich, würde die Geschichte nicht ebenso mitreissen. Doch schafft es der Film meisterhaft, das stete Auf- und Ab des Meeres mit der Erzähl- und Gesangstradition Irlands zu verweben. So wird auf leise, liebevolle Weise eine bewegende Geschichte über den Umgang mit negativen Gefühlen und den Verlust eines Elternteils erzählt. Die Übernahmen aus der irischen Sagenwelt - vor allem die Geschichte um die gefühlsstehlende Eulenhexe Macha - sind dabei nicht bloss Ausschmückung, sondern integraler Bestandteil der emotionalen Entwicklung des Protagonisten Ben. Song of the Sea ist schlicht bezaubernd und trifft so mitten ins Herz. Übrigens empfiehlt es sich, den durch und durch irischen Film im englischen Original zu schauen, da der irische Akzent des Stimmen-Casts (u.a. Brendan Gleeson und Fionnula Flanagan) einen zusätzlichen Reiz der Filmmagie ausmacht.

Petra Schrackmann [pps]

Petra arbeitet seit 2007 für OutNow und haut auch für Lektorat und Listicles in die Tasten. Als Genrefan verbringt sie ihre Film- und Serienabende lieber mit Zombies, Hobbits oder RVAGs als mit Rom-Coms. Als Leseratte ist sie fasziniert von Comic- und Buchverfilmungen (sogar den schlechten!).

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