The Search (2014)

The Search (2014)

  1. 150 Minuten

Filmkritik: No Country for Young Boys

Zaungast
Zaungast © Praesens Film

Im zweiten Tschetschenienkrieg 1999 muss der neunjährige Hadij (Abdul-Khalim Mamatsuiev) hilflos mitansehen, wie seine Eltern von russischen Soldaten erschossen werden. Ihm gelingt die Flucht, und über Umwege gelangt er in ein Heim, das traumatisierte Kinder betreut. Dessen Leiterin Helen (Annette Bening) versucht mehr aus Hadij rauszukriegen, doch dieser ist verängstigt und misstrauisch. Er ergreift die Flucht und irrt ziellos in der Stadt herum - bis er auf die Französin Carole (Bérénice Bejo) trifft, die für eine EU-Menschenrechtsdelegation in Tschetschenien unterwegs ist. Sie nimmt ihn bei sich auf und schafft es ganz langsam, sein Zutrauen zu gewinnen. Währenddessen sucht Hadijs ältere Schwester Raissa (Zukhra Duishvili), die das Massaker überlebt hat, verzweifelt nach ihm.

Meh Dräck
Meh Dräck © Praesens Film

Auf der russischen Seite wird der 19-jährige Kolia (Maxim Emelianov) für die Armee rekrutiert. In einem Basislager muss er erstmal bös untendurch: Seine Vorgesetzten schikanieren und demütigen ihn aufs Übelste. Dadurch soll er langsam zur Kampfmaschine gedrillt werden. Eines Tages ist es dann endlich so weit: Er wird nach Tschetschenien an die Front geschickt...

The Search ist die erste grössere internationale Produktion, die den Tschetschenienkrieg aufbereitet. Sauber erzählt und inszeniert, erzählt der ambitionierte Film von The Artist-Regisseur Michel Hazanavicus eine Geschichte, die ans Herz und an die Nieren geht. Den Anspruch, die Gräuel des Kriegs in all ihren Facetten zu beleuchten, kann er hingegen nicht ganz erfüllen.

Der Anfang ist ein Schlag in die Magengrube. Klar, man kennt diese schockierenden Amateurvideos von Massakern aus Kriegsgebieten mittlerweile aus den Medien wie auch aus zahlreichen Filmen wie Redacted. Neu ist das daher nicht, aber gleichwohl quält es den Zuschauer immer wieder aufs Neue, mitanzuschauen, zu welchen Gräueltaten Menschen bereit sind - und das mit einem Lachen auf den Lippen.

Mit The Search verlegt Michel Hazanavicus den gleichnamigen Fred-Zinnemann-Film aus dem Jahr 1948 vom Zweiten Weltkrieg in den Tschetschenienkrieg und gibt diesem ein etwas zeitgemässeres Gewand. So verzichtet er auf das lehrerhafte Voice-over des Originals und ergänzt die simple Mutter-sucht-Kind-Story (die hier eine Schwester-sucht-Bruder-Story ist) um den zusätzlichen Erzählstrang um den russischen Soldaten Kolia, der durch Demütigungen langsam zur Kampfmaschine gedrillt wird. Dies erklärt dann auch, warum das Remake eine satte Stunde länger dauert als das Original.

Allerdings ist dieser Parallelplot ein zweiter Film mit einer ganz anderen Ambition. Offensichtlich soll hier im Stil von The Full Metal Jacket gezeigt werden, wie friedfertige und sympathische junge Männer zu den Monstern werden, die dann solche Gräueltaten begehen. Doch der Film ist am Ende, wenn die beiden Erzählstränge zusammengeführt werden, nicht ganz konsequent. Im Hauptplot übernimmt Bérénice Bejo die Rolle, die Montgomery Clift im Original innehatte. Auf der Gefühlsebene funktioniert die Geschichte mit dem Jungen perfekt. Diesbezüglich gibt sich der Film keine Blösse und erzählt die hart an der Rührseligkeit stehende Geschichte unaufgeregt und ohne deplatziertes Pathos.

Dadurch, dass Bejos Figur für eine Menschenrechtsdelegation arbeitet, wird der Film zudem in eine politische Richtung gelenkt. Das verleiht ihm gerade in diesen Tagen, als Russland in einen neuen militärischen Konflikt verwickelt ist, eine Aktualität. Schön inszeniert ist das geballte Desinteresse, das Bejo alias Carole entgegenschlägt, als sie in der EU-Versammlung auf die Menschenrechtsverletzungen hinweisen will. Schauspielerisch vermag sie in diesen Szenen allerdings nicht ganz zu überzeugen. Zu steif und distanziert wirkt sie, als dass man ihr die engagierte Kämpferin abnehmen würde.

Respekt zollen muss man den Machern dafür, dass sie den Tschetschenienkrieg ins Auge einer breiteren Öffentlichkeit rücken. Dies hat bisher noch kein Film dieser Grösse gemacht. Da verzeiht man es auch, wenn Hazanavicus nebenher vielleicht auch mit einem Auge auf seinen zweiten Oscar schielt.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Trailer Originalversion, mit französischen Untertitel, 02:29