Wild Tales - Relatos salvajes (2014)

Wild Tales - Relatos salvajes (2014)

Wild Tales: Jeder dreht mal durch!
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  3. 122 Minuten

Filmkritik: Histories of Violence

"Das kommt mir argentinisch vor."
"Das kommt mir argentinisch vor." © Pathé Films AG

Auf der ganzen Welt gibt es Gewalt. Gründe gibt es viele. Zum Beispiel, wenn man sich für jahrelange Ungerechtigkeit bei allen fiesen Personen zur gleichen Zeit mittels eines Flugzeuges rächen möchte. Oder wenn einem auf einer Landstrasse der Vordermann nicht vorbeilassen möchte und man diesen dann als "Redneck" bezeichnet. Das kann dann auch mal unschön enden. Vielleicht ist es aber auch der Staat, der einen dermassen mit Bürokratie schikaniert, bis der Kragen platzt und man zu Sprengstoff greift.

Bis dass der Tod uns scheidet...
Bis dass der Tod uns scheidet... © Pathé Films AG

Es kann aber auch sein, dass man eine offene Rechnung mit Rattengift begleichen möchte. Um selbst kein Opfer zu werden, kann man aber auch versuchen, den Konsequenzen einer Gewalttat mittels Bestechung zu entkommen. Probieren kann man es ja mal. Ob man als Braut aber wegen eines Seitensprungs des Bräutigams die eigene Hochzeit in ein Blutbad verwandeln muss, ist dann doch ein wenig fragwürdig.

Relatos Salvajes ist ein riesiges Vergnügen, das die Probleme Argentiniens aufzeigt, dies jedoch nicht mit erhobenem Zeigefinger tut, sondern mit jede Menge schwarzem Humor. Die Episoden sind abwechslungsreich und grösstenteils unvorhersehbar. Man kann sich zwar die Mühe machen, den Verlauf der Geschichten zu erahnen, doch Regisseur Damián Szifron findet immer wieder neue Wege, den Zuschauer zu überraschen. Mehr als sehenswert.

Am Filmfestival von Cannes gibt es pro Jahr immer einen Film, der aus der Masse mit etwas gar Speziellem herausragt. So startete an der Croisette unter anderem der Siegeszug des übercoolen Drive, und die Kritiker rätselten nach dem Screening von Holy Motors noch Tage später über dessen Sinn und die schrägen Bilder. In der 2014-Ausgabe heisst der spezielle Film nun Relatos Salvajes: ein Episodenwerk aus Argentinien über das Thema Gewalt. Klingt jetzt sehr düster, doch das ist auch genau das Lustige daran. Denn kaum einer war beim ersten Screening darauf vorbereitet, was nach dem Löschen der Lichter kommen würde - nämlich eine rabenschwarze Komödie.

Für sein Projekt konnte Regisseur Damián Szifron die Crème de la Crème der argentinischen Schauspielergarde versammeln. So lehnt sich der auch in Europa bekannte Ricardo Darín (El Secreto de sus Ojos) in seiner Episode gegen den Verwaltungsapparat seiner Heimat auf. Schade, dass genau seine Episode die schwächste der Sextetts ist. Zeichnen sich die anderen vor allem durch eine Unvorhersehbarkeit aus, ist schon nach wenigen Minuten in Daríns Episode klar, dass der gebeutelte Mann für seine Rache zu seinen Arbeitsmaterialen greifen wird - der Herr ist nämlich gelernter Sprengmeister.

Aber Mann, sind die anderen fünf gelungen und absolut unvorhersehbar! Da laufen ein Abendessen in einem Restaurant, eine Fahrerflucht und sogar eine ach-so-perfekt-geplante Hochzeit völlig aus dem Ruder. Die ausartenden Geschichten sind dermassen schräg und mit einer ordentlichen Portion schwarzen Humors gepfeffert, dass man sich mehr als nur einmal die Augen reibt. Da will in der besten Episode ein Autofahrer einen anderen auf einer Landstrasse nicht vorbeilassen. Was danach kommt, hat mehr mit Looney Tunes zu tun als mit was anderem.

Natürlich muss ein solcher Film, der in Cannes im offiziellen Wettbewerb läuft, auch noch eine Aussage haben. Szifron zeigt uns hier ein korruptes Argentinien, in dem beleidigt, gelogen und betrogen wird, bis es zum Knall kommt. Doch schmälert diese Einsicht keinen Fall den Unterhaltungswert. Anders als beim Gewaltblick auf China im letztjährigen A Touch of Sin von Zhang Ke Jia bleibt Relatos Salvajes die ganze Zeit über auch eine Riesengaudi, die in Cannes mit lautem Gelächter und mehrmals mit Szenenapplaus gewürdigt wurde.

/ crs

Kommentare Total: 3

El Chupanebrey

Sehr lustig - hat mir gefallen! Luis Buñuel wäre sehr stolz auf gewisse Episoden.

ebe

Wunderbare schwarze Komödie. Funktioniert eigentlich am besten, wenn man im Voraus nicht allzu viel darüber weiss. Darum will ich jetzt auch nicht viel mehr schreiben...:-)

crs

Filmkritik: Histories of Violence

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