Pasolini (2014)

Pasolini (2014)

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  3. 87 Minuten

Filmkritik: Fellatio, or the 87 minutes of Ferrara

Da kann man sich wirklich nur an den Kopf greifen.
Da kann man sich wirklich nur an den Kopf greifen. © Studio / Produzent

Pier Paolo Pasolini (Willem Dafoe) war ein bekannter italienischer Filmregisseur, Publizist und Dichter. Am 2. November 1975 wurde der Mann hinter dem vielleicht kontroversesten Film aller Zeiten Salò - Die 120 Tage von Sodom mit 53 Jahren unter mysteriösen Umständen getötet. Pasolini erzählt die letzten Tage dieser besonderen Persönlichkeit und versucht, dessen skandalöses Leben einzufangen.

Fussball geht immer.
Fussball geht immer. © Studio / Produzent

Nach seiner Arbeit zu Salò gibt Pasolini ein Interview. Ob Sex etwas mit Politik zu tun hat, wird er gefragt. Seine Antwort: "Natürlich, alles hat mit Politik zu tun" - diese Aussage Pasolinis gibt bereits früh Einsicht in die vielschichtige Philosophie des italienischen Genies und könnte unter anderem auch ein Grund für seine Ermordung sein. Vor seinem Tod war er nämlich mit einer journalistischen Arbeit über die Verbindungen des italienischen Geheimdienstes zu terroristischen Anschlägen in Italien beschäftigt. Der homosexuelle Pasolini ist aber auch sonst tief in die Abgründe der Politik und den Faschismus in Italien eingedrungen und hat sich damit viele Feinde gemacht.

Willem Dafoe ist Pier Paolo Pasolini. Die Geschichte des Mannes, der mit Salò und weiteren Filmen und Büchern sein Leben lang für Skandale sorgte, wurde von Abel Ferrara verfilmt und macht beinahe alles falsch, was man in einer Biografie falsch machen kann. Dem Film fehlt es an einer Erzählstruktur, an einer wenigstens einigermassen linearen Storyline und an Tiefe. Wer gerne etwas über den grossen italienischen Meister erfahren möchte, ist bei Pasolini definitiv an der falschen Adresse.

Abel Ferrara, der für das Endzeitdrama 4:44 Last Day on Earth verantwortlich war und bei Filmen wie Bad Lieutenant und King of New York auf dem Regiestuhl Platz nahm, hat sich für sein neustes Projekt ein besonderes Biopic ausgesucht. Nachdem er bereits die Geschichte über den ehemaligen Direktor des Internationalen Währungsfonds Dominique Strauss-Kahn verfilmt hat, nimmt er sich nun den 1975 ermordeten italienischen Regisseur Pier Paolo Pasolini (Salò - Die 120 Tage von Sodom) zur Brust und erzählt die letzten Tage vor dessen Tod.

Pasolini ist schwach, sackschwach, und wer mehr über die Hintergründe des italienischen Filmemachers herausfinden will, wird mit Ferraras Biografie sehr schlecht bedient. Die Gründe für diese groben Worte sind rasch zu finden. Die Geschichte verfügt über keine Struktur. Wie eine Nadel im Heuhaufen sucht man nach einem roten Faden, Figuren tauchen auf und ohne dass man sie näher kennenlernen würde wieder ab, und über Pasolini selbst gibt es kaum eine Szene, die nicht bloss seine Schwäche für junge Männer thematisiert. Verschiedene und nicht unmittelbar zusammenhängende Szenen werden aneinandergereiht. Pasolini versinkt im Chaos der Inszenierung, und der Zuschauer starrt verwirrt auf den Bildschirm. Es ist eine Schande, diesen interessanten Mann in einem Wirrwarr von bloss 87 Minuten untergehen zu sehen.

Die Lichtblicke des Werkes beschränken sich auf ein Minimum. Willem Dafoe macht als Hauptdarsteller eine solide Figur, kann aber dem blass gezeichneten Pasolini kaum zu mehr Tiefe verhelfen. Die restlichen Schauspieler sind Schachfiguren in einem Spiel, das mit den ersten drei Zügen bereits gelaufen ist. Abel Ferraras Biopic zu Pier Paolo Pasolini zeigt lieber Blowjobs in Grossaufnahme, anstatt den grossen Regisseur und Dichter ernsthaft in den Fokus zu rücken und macht damit zwar den Kontroversen des Italieners alle Ehre, kann sich aber als Biografie nicht im Entferntesten auszeichnen.

Yannick Suter [yan]

Yannick arbeitet seit 2010 als Freelancer für OutNow. Sci-Fi-, Horror- und Mindfuck-Filme sind seine Favorites. Wenig anfangen kann er mit Kostümfilmen und allzu prätentiösen Arthouse-Produktionen. Wer aber etwas über äusserst verstörende Filme erfahren möchte, ist bei ihm an der richtigen Adresse.

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