Fires on the Plain - Nobi (2014)

Fires on the Plain - Nobi (2014)

  1. 87 Minuten

Filmkritik: Zur Not fressen wir auch Affen

Ob es da oben was zu essen gibt?
Ob es da oben was zu essen gibt? © Studio / Produzent

Der angeschlagene Soldat Tamura wird im philippinischen Dschungel von seinem Zugführer ins Lazarett geschickt, weil er mit seinen Atemproblemen seiner Arbeit nicht nachkommen kann. Da die Sanitäter im Lazarett aber völlig überlastet sind, schicken sie den Soldaten wieder zurück zum Zug. Doch damit gibt sich der Kommandant nicht zufrieden und schickt Tamura ein weiteres Mal auf den Weg ins Lazarett. Mit letzter Kraft und völlig ausgehungert, fleht er die Sanitäter um Hilfe an. Bevor die jedoch eingreifen können, wird das Lager von Artilleriefeuern angegriffen und ein Grossteil der Soldaten getötet.

Schattenkrieger?
Schattenkrieger? © Studio / Produzent

Tamura überlebt und flüchtet in den Dschungel. Auf seinem Marsch, dem Verhungern nahe, findet er wild wachsende Süsskartoffeln, die aber zuerst gekocht werden müssen. In einer kleinen Kirche sieht er sich nach Streichhölzern um, bis plötzlich ein Paar hereinstürmt. Die Frau beginnt zu schreien, als sie Tamura sieht. Völlig perplex versucht er sie ruhigzustellen und tötet sie aus Versehen. Extrem hungrig, müde und völlig am Boden zerstört, da er gerade den ersten Menschen überhaupt getötet hat, sucht er weiter einen Ausweg aus dieser Hölle.

Nobi von Shinya Tsukamoto ist das Remake zum gleichnamigen Antikriegsfilm aus dem Jahre 1959. Mit einer reisserischen Inszenierung und vielen unnötig drastischen Bildern boxt sich das Werk in den Magen der Zuschauer. Die an sich mitreissende Story des umherirrenden und um sein Überleben kämpfenden Soldaten Tamura verkommt so zu einem blutüberströmten Splatterfest, das mit dem wahren Hintergrund ein unschönes und äusserst fragwürdiges Bild abgibt.

Viele bekannte Antikriegsfilme sind in Tat und Wahrheit typische Kriegsfilme mit haufenweise Pathos und der Unterhaltung dienenden Actionszenen, bei denen aus einfachen Soldaten Helden geboren werden. Mit The Thin Red Line hat Terrence Malick einen Vorzeige-Antikriegsfilm erschaffen, der den Horror des Krieges nicht nur in ein philosophisches Licht rückte, sondern völlig auf glorifizierende Mittel verzichtete.

In Japan wurde mit Fires on the Plain von Kon Ichikawa bereits Ende der Fünfzigerjahre ein Film mit ähnlichen Mustern veröffentlicht. Nun hat sich Tetsuo-Mastermind Shinya Tsukamoto an ein Remake des Romans von Ooka Shohei gewagt; Nobi ist ein Werk, das visuell brutal in die Magengrube schlägt und mit übertriebenem Einsatz von Kunstblut die wichtige Message um einiges verfehlt.

Kenner sind sich ja von Tsukamoto einiges gewohnt. Der 54-jährige Japaner ist ein Gorekünstler und steht für ein äusserst blutiges Handwerk, doch in seinem neusten Film wäre weniger doch mehr gewesen. Nobi ist in jeder Beziehung ein Schocker. Blutfontänen, abgetrennte Arme und Beine, tiefe Fleischwunden und Kannibalismus sind nur Teile der Elemente, die der Japaner in seinen Antikriegsfilm stopfte. Während Malick die Tragik des Krieges in den Köpfen des Zuschauers heraufbeschwörte, zielt Tsukamoto gnadenlos auf die Sinne und ist dabei dermassen reisserisch, dass man teilweise nur den Kopf schütteln kann. Statt Emotionen zeigt er den Wahnsinn der Betroffenen und ekelt den Zuschauer mit hässlichen Szenen, die am Ende des Films die Oberhand gewinnen und die fragwürdige Philosophie des Krieges in den Hintergrund stellen.

Auch inszenatorisch ist Nobi offensiv. Tsukamoto lässt Chaos und Unheil lautstark von der Bildfläche prasseln und vermischt clever Einbildung und Realität. Für den Zuschauer ist dies alles unangenehm anzusehen, und auch wenn dies im Normalfall ein "gutes" Omen für einen Kriegsfilm darstellt, sieht das hier etwas anders aus. Einmal von diesen Punkten abgesehen, erzählt der Film aber eine ansprechende Geschichte über einen Soldaten, der im Krieg um sein Überleben kämpft und im Strudel des Wahnsinns zu ertrinken droht.

Yannick Suter [yan]

Yannick arbeitet seit 2010 als Freelancer für OutNow. Sci-Fi-, Horror- und Mindfuck-Filme sind seine Favorites. Wenig anfangen kann er mit Kostümfilmen und allzu prätentiösen Arthouse-Produktionen. Wer aber etwas über äusserst verstörende Filme erfahren möchte, ist bei ihm an der richtigen Adresse.

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