Nightcrawler (2014)

Nightcrawler (2014)

Nightcrawler - Jede Nacht hat ihren Preis
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  2. 117 Minuten

Filmkritik: Der Teufel blickt durch die Linse

"Uuuuuund Action!"
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Der Gelegenheitsdieb Lou Bloom (Jake Gyllenhaal) sucht nach einer Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen und ein eigenes lukratives Business aufzuziehen. Eines Nachts beobachtet er an einer Unfallstelle auf der Autobahn einen sogenannten "Nightcrawler" bei seiner Arbeit: einen Kameramann, der die dramatischen Rettungsszenen filmt, um sie nachher ans News-TV zu verticken. Lou ist auf der Stelle klar: Das ist sein Ding! Er möchte auch ein Nightcrawler werden, und nicht nur irgendeiner, sondern der beste von allen.

Durch einen Velodiebstahl finanziert er sich eine einfache Steadicam und lernt die Funkcodes der Polizei auswendig - das A und O für jeden Nightcrawler. In der Nacht lauert er auf "interessante" Notfälle, sprich: Verbrechen oder Unfälle, bei denen die Opfer der höheren Mittelschicht entstammen. Sobald er im Polizeifunk von einem solchen Fall erfährt, jagt er mit seinem Auto durch L.A., um als erster spektakuläre Bilder aufzunehmen. Bald feiert er erste Erfolge: Er kommt mit Nina Romina (Rene Russo), einer lokalen TV-Produzentin, ins Geschäft. Doch das Business ist hart, die Konkurrenz gross. Um seine ehrgeizigen Ziele zu erreichen, ist er bereit, jegliche Skrupel über Bord zu werfen...

Nägelkauen garantiert: Düster und zackig inszeniert, zieht Dan Gilroys spannendes Regiedebüt die Zuschauer mit in die Abgründe des TV-Journalismus. Dies ist insbesondere auch Hauptdarsteller Jake Gyllenhaal zu verdanken, der seinem Hobby-Kameramann eine beinahe schon diabolische Aura gibt. Gleichzeitig wirft der Film auch einen interessanten Blick auf einen dreckigen Beruf, der darin besteht, von Unglücksfällen und Verbrechen zu profitieren: je blutiger, desto besser. Von einigen kleinen Kritikpunkten abgesehen, macht Gilroys Thriller alles richtig - man möchte nie vor Lou Blooms Kamera geraten.

Mit Nightcrawler gibt der bislang vor allem als Drehbuchautor tätige Dan Gilroy sein Regiedebut. Der jüngere Bruder von Tony Gilroy, für den er unter anderem The Bourne Legacy geschrieben hat, legt damit gleich einen furiosen Start hin. Denn sein Film packt von der ersten Sekunde an und lässt erst beim Abspann wieder los. Es ist ein hochspannender Thriller, der mit der Gier nach spektakulären Fernsehbildern nebenbei auch ein aktuelles und brisantes Thema anschneidet. Dies aber nur in einer lässigen Beiläufigkeit, die nie ausartet in eine allzu plakative und lehrerhafte Medienkritik.

Perle des Filmes ist dabei zweifellos Jake Gyllenhaal. Der Hauptdarsteller gibt hier eine denkwürdige Performance - der Kontrast zwischen der unterwürfig-freundlichen Art gegenüber möglichen Kunden und der ins Irre abdriftenden Besessenheit, mit der er seine Ziele verfolgt, könnte nicht grösser sein. Der Schauspieler, sonst häufig als Sympathieträger gecastet, präsentiert sich hier von der dunklen Seite und gibt sich durchtrieben, besessen und jenseits jeglicher Moral. Grossartig sind neben Gyllenhaals schauspielerischer Leistung auch die rasant inszenierten Szenen, in denen Lou Bloom im Auto den Notfällen nachjagt. Überhaupt ist die düstere Stimmung auf den nächtlichen Strassen rund um L.A. äusserst stimmig eingefangen.

Nicht ganz so überzeugend ist Gyllenhaals Co-Hauptdarstellerin (und Ehefrau des Regisseurs) Rene Russo, auch wenn die Rolle der abgehalfterten TV-Produzentin eigentlich auf sie zugeschnitten ist. Die mittlerweile 60-jährige, vom Leben und Botox gezeichnete Darstellerin hat in ihrer Rolle - der ersten Hauptrolle seit einiger Zeit - Mühe, bei Gyllenhaals Pace mitzuhalten. So kommt denn auch nicht recht rüber, warum Lou Bloom dermassen von ihr fasziniert und besessen ist. Um sie ein wenig zu entlasten: Ein wenig wirkt ihre Rolle auch etwas gar überzeichnet.

Doch all das ist Klagen auf hohem Niveau. Denn ansonsten ist Nightcrawler wirklich spitze. Die knapp zwei Stunden vergehen im Flug. Es ist gleichermassen nervenaufreibend wie beängstigend, Gyllenhaal alias Lou Bloom dabei zuzuschauen, wie er in seiner Besessenheit immer weiter abdriftet - in welche Richtung, das sei an dieser Stelle nicht verraten, nur so viel: It's gonna be ugly.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Kommentare Total: 5

woc

Woah, habe Gyllenhaal seit Donnie Darko nicht mehr in einer solch dermassen schrägen Rolle gesehen. Doch nicht nur er, sondern der ganze Film, der Plot und das Setting sind derart unkonventionell, dass es unheimlich Spass macht, sich dem Voyeurismus hinzugeben. Hätte ein Oliver Stone sich (erneut) diesem Thema gewidmet, wäre das Resultat halb so cool geworden.

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Meine Erwartungen konnte Nightcrawler problemlos erfüllen. Er braucht zu Beginn etwas Einführungszeit, kann aber dann den Spannungspegel immer höher Ansetzen. Die Nachtbildern in Los Angeles sind sehr stimmungsvoll. Gylllenhaal wird auch zurecht von jedem hochgejubelt. Kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt eine so skrupellos Filmfigur gesehen habe. Für diese Leistung gibt es die volle Punktzahl. Die Thematik wurde von Regisseur Gilroy ebenfalls gut umgesetzt. Bei diesem Verhalten von den Nightcrawlers muss man selber den Kopf schütteln. Abzug gibt es für die etwas schwächelten Nebendarstellern. Dieser Rene Russo hätte weniger Botox besser getan und Riz Ahmed kommt etwas zu spät in die Gänge.

Dennoch sackstarke fünf Sterne!

th

hat bei mir einen durchzogenen eindruck hinterlassen - die charakteren wirken flach und die story unglaubwürdig. auch wenn die tv-"news"-situation in den usa sicherlich einiges unzivilisierter aussieht als hierzulande kann ich mir den eindruck nicht verwehren, dass hier eine geschichte als "real" verkauft wird, welche die echte situation in etwa so realitätsnah abbildet wie swordfish computer"hacker" darstellte...

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