Mitten ins Land (2014)

Mitten ins Land (2014)

  1. 90 Minuten

Filmkritik: Der Dichter bin ig

Neein! Nicht schon wieder Stellwerkstörung in Langenthal!
Neein! Nicht schon wieder Stellwerkstörung in Langenthal! © Frenetic Films

Er ist der wohl bekannteste Mundartdichter der Schweiz. Nun hat sich Pedro Lenz im Gasthof "Flügelrad" einquartiert, gleich gegenüber dem Bahnhof in Olten, mit direktem Blick auf die Gleise. Diesen ist er so nah, dass er sogar den charakteristischen Dreiklang hört, der vor den SBB-Durchsagen jeweils ertönt. Sein selbstauferlegter Anspruch: "Luft hole u öppis us dr Luft usehole". Von seinem Hauptquartier aus unternimmt er lange Zugfahrten, während derer er sich seiner Poesie widmet. Daneben absolviert er Auftritte, bei denen er aus seinen Werken liest, und widmet sich seinem Hobby, dem Fussball - passiv wie auch aktiv, denn er ist Mitglied einer Schweizer Dichter-Auswahl.

Der kleine Mann auf der Strasse
Der kleine Mann auf der Strasse © Frenetic Films

Auf seinen Streifzügen durch die Schweiz begegnet der Poet zahlreichen Menschen; Menschen wie du und ich: einer Lokführerin beispielsweise, zwei eineiigen Zwillingsschwestern, die als Wirtinnen arbeiten, oder einem jungen türkisch-schweizerischen Hobbyfussballer, der im Werkhof arbeitet und einen bekannten kleinen Bruder hat.

In den besten Momenten ist Mitten ins Land eine wunderbar meditative Reise durch die Schweiz, untermalt mit der schönen Mundart-Poesie von Pedro Lenz. Leider kommen diese Momente viel zu wenig vor. Zumeist ist das Werk von Norbert Wiedmer und Enrique Ros ein recht belangloser Dokumentarfilm über den Dichter und einige scheinbar zufällig ausgewählte Menschen. Für all diejenigen, die die Poesie von Pedro Lenz mögen und diese im Kino geniessen möchten, ist Der Goalie bin ig die bessere Wahl.

Eines müssen ja selbst Poesiemuffel zugeben: Pedro Lenz hat ein wirklich ausgeprägtes Gefühl für die Schweizer Mundart. Und seine Dichtkunst passt ausgezeichnet zu langen ausgedehnten Zugfahrten in die Schweizer Pampa. Die Prämisse des Filmes ist daher durchaus reizvoll: ein Schweizer Dichter, der mit dem Zug durchs Land reist und mit unspektakulären, aber dennoch spannenden Menschen ins Gespräch kommt; sozusagen ein Mosaikbild unseres Landes fernab aller touristischen Klischees.

Soweit die Theorie. Leider kann der Film diesen Anspruch, den er an sich selber stellt, höchstens ansatzweise erfüllen. Dies aus verschiedenen Gründen. Zunächst einmal bleibt unklar, nach welchen Kriterien die Personen, die porträtiert werden, überhaupt ausgewählt worden sind und worin ihr Bezug zu Pedro Lenz besteht. Die meisten scheinen in seinem unmittelbaren Umfeld in Olten tätig zu sein - nicht unbedingt das, was man unter zufälligen Reisebekanntschaften versteht.

Und - Entschuldigung - was genau hat ein Cédric Wermuth in dem Film verloren? Der SP-Jungpolitiker wurde offenbar recht lange vom Filmteam begleitet, von seiner erfolgreichen Wahl in den Nationalrat 2011 (!) bis hin zu aktuellen Parlamentsdebatten. Ein Steilpass in Richtung all derjenigen SVP-Exponenten, die gegen den linken Kulturfilz und das subventionierte Schweizer Filmschaffen wettern. "Äs Eigegoal", würde der von Pedro Lenz erdachte Goalie hier wohl sagen. Kommt hinzu, dass ein Nationalrat - für den der Film sicher einen angenehmen Publicity-Effekt hat - nur beschränkt als Beispiel für den "Menschen wie du und ich" taugt.

In der zweiten Filmhälfte mutiert der Film dann vom Dokumentarfilm über den zugfahrenden Pedro Lenz zum Dokumentarfilm über Pedro Lenz; über Pedro Lenz, wie er arbeitet, wie er liest, wie er sich politisch an einer 1.-Mai-Demo engagiert (schon wieder! Linker Schweizer Kulturfilz! Zeter! Mordio!). Spätestens zu diesem Zeitpunkt verkommen auch die anderen Persönlichkeiten, die neben dem Dichter aufgebaut worden sind, zu Nebendarstellern. Schade, denn bei einigen von ihnen, wie beispielsweise der lokführenden Ex-Coiffeuse, wäre es durchaus interessant gewesen, sie besser kennenzulernen. Doch letztendlich fand das Filmteam den Dichter doch spannender. So fährt der Zug am Ende dann nicht mitten ins Land, sondern eher mitten ins Lenz.

/ ebe

Trailer Schweizerdeutsch, 01:31