Macondo (2014)

Macondo (2014)

  1. 93 Minuten

Filmkritik: Aufwachsen in der Asylanten-Siedlung

Oha, Lätsch!
Oha, Lätsch!

Der 11-jährige Ramasan (Ramasan Mikailov) lebt mit seiner Mutter Isa (Aslan Elbiev) und den zwei kleinen Schestern Rosa und Iman im Asylantenheim eines Wiener Aussenbezirks. Sein Vater ist im Tschetschenienkrieg verschollen und die Mutter immer noch traumatisiert durch die Flucht und die neue Umgebung. Das Asylverfahren läuft, und Ramasan ist mit seinen sehr guten Deutschkentnissen der Mutter eine grosse Hilfe im Umgang mit den Behörden. Faktisch ist er nun der Mann im Haus, was ihm wichtige Oberhäupter der Tschetschenen-Community zwischen Moscheemauern und hinter heruntergekurbelten Scheiben von BMWs auch immer wieder in Erinnerung rufen. Doch kann so ein Knirps mit dieser Verantwortung wirklich umgehen?

Die Couch im Wald erspart den Psychiater.
Die Couch im Wald erspart den Psychiater.

Denn Ramasan ist diversen Einflüssen ausgesetzt. Einerseits sind da seine Kumpels, die langsam aus dem Tschutten- und Matratzenhüpfen-Alter raus sind und kleinkriminelle Streiche starten. Auch taucht mit Isa (Aslan Elbiev) ein Bekannter des Vaters in den Unterkunft auf, der alte Familienfotos und eine kaputte Uhr als Erbstück mitbringt. Ramasan beginnt die Rolle seines Vater als Kriegsheld zu hinterfragen.

In der Schweiz sorgen bereits kleinere Asylbewerbergruppen, die in alten Armee-Unterkünften untergebracht werden, für Unmut in den betroffenen Gemeinden. Im Wiener Stadtteil Simmering gibt es hingegen schon seit 1956 eine ganze Asylanten-Siedlung auf einem ehemaligen Kasernen-Areal - mit heute sage und schreibe 3'000 Einwohnern. Sie wird Macondo genannt, nach einem Roman des lateinamerikanischen Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez, und bildet den Hintergrund für den gleichnamigen Film von Sudabeh Mortezai. Die iranisch-östereichische Filmemacherin, die bisher Dokumentarfilme drehte, wurde mit ihrem Spielfilmdebut gleich im Wettbewerb der 64. Berlinale zugelassen, bleibt ihren filmischen Wurzeln aber treu.

Zur Zeit haben die Tschetschenen den grössten Anteil innherhalb der Macondo-Gemeinde, und mit Laiendarstellern aus ebendieser Gruppe inszeniert Mortezai auch ihre ausführlich recherchierte Story im sommerlichen Wien. Dabei spielt die Nationalität der Figuren aber nicht wirklich eine grosse Rolle. Über den Krieg im Kaukasus erfährt man im Film im Grunde nichts. Viel wichtiger ist Mortezai das Spannungsfeld zwischen muslimischer Kultur, österreichischen Beamten und einer Kleinkriminellen-Karriere, in dem sich der heranwachsende Junge im Film befindet. Die Kamera folgt dem überzeugend aufspielenden Ramasan Mikailov oft einfach, weshalb sich die für diese Art von Filmen typischen Hinterkopfaufnahmen häufen in Macondo.

In den guten Momenten ist das semi-dokumentartische Aufklärung zum rot-weiss-roten Asyl-Prozedere. Andere Szenen wirken hingegen arg konstruiert. Vor allem die Figur der Mutter ist oft nur Gimmick für den jeweilig erwünschten Plot-Effekt. Traumata werden mittels anbrennender Kochtöpfe und sich verschiebender Machtgefälle durch das Verstecken einer unter dem Kopftuch hervorlugenden Locke durch den Jungen abgefrühstückt. Vollends platt ist aber die Szene, in der Ramasan den Deutsch-Unterricht zufällig belauscht und so die komplette Lieblosigkeit der Ehe seiner Eltern mitbekommt.

Fazit: Macondo beleuchtet eine auch in Österreich eher unbekannte Ecke der Stadt Wien. Das halb-dokumentarische Spiel mit Laiendarstellern entwickelt aber aber weder die Emotionen noch die Suspense des ähnlich gelagerten Berlinale-Beitrags An Episode in the Life of an Iron Picker aus dem letzten Jahr, noch ist er so erhellend wie der ausschliesslich dokumentarisch verstandene Film zum Thema Asylbewerber La Forteresse.

/ rm