Here Is Harold - Her er Harold (2014)

Here Is Harold - Her er Harold (2014)

  1. 87 Minuten

Filmkritik: Schrott. Schrott. Alles Schrott.

Guter Rat ist vermutlich teurer als dieser Stuhl.
Guter Rat ist vermutlich teurer als dieser Stuhl. © Frenetic Films

Harold (Bjørn Sundquist), ein in die Jahre gekommener Herr, wohnhaft in Norwegen, besitzt mit seinem Lebenswerk auch gleich seinen ganzen Stolz: ein Möbelgeschäft, welches er erfolgreich seit über 40 Jahren mit seiner Frau Marny (Grethe Selius) führt. Bis im Jahre 2011, dann nämlich öffnet eine Ikea-Filiale ihre Pforten in der Kleinstadt - gerade neben "Harolds Furniture" und nebenbei auch noch die grösste überhaupt in Norwegen. Knappe sechs Monate später steht Harold am Abgrund seiner Existenz, die Kunden bleiben gänzlich aus, die Krankheit seiner Frau wird rasant schlimmer und Geld ist auch keines mehr vorhanden.

Chillout auf norwegisch
Chillout auf norwegisch © Frenetic Films

Es kommt, wie es kommen musste: Das Geschäft muss er schliessen, die familiäre Situation wird prekärer und Harold sieht nur noch einen Ausweg, um Rache zu nehmen: Er plant, nach Schweden zu fahren, um den Ikea-Gründer Ingvar Kamprad (Björn Granath) zu kidnappen, denn diesen macht er für seine ganze Misere verantwortlich. Eine abenteuerlich-skurrile Reise beginnt, auf welcher er tatkräftige Unterstützung der 16-jährigen Ebba (Fanny Ketter) bekommt, die er auf seiner Reise kennenlernt. Werden sie Kamprad wirklich begegnen und ihn entführen können?

Mit Here is Harold wird den Zuschauern eine solide Komödie geboten, die zu unterhalten weiss, sich mit fortlaufender Zeit aber etwas zu sehr verliert und doch beinahe zu seltsam anmutet. So vielfältig der Soundtrack auch sein mag - von poppig-fröhlich über rockig bis zu melancholisch ist beinahe alles bunt durcheinandergemischt -, so sehr entspricht dies auch dem Eindruck des Werkes, das nie ganz genau weiss, wo es hinführen möchte. Eine Hommage an Kill Bill konnte man sich mit dem Original-Titel "Kill Billy" und der Filmplakatwahl nicht verkneifen, auch wenn die beiden Filme ansonsten wenig gemeinsam haben dürften.

Wenn man an Schweden denkt, denkt man meist auch schnell an Ikea. Zu verübeln ist dies niemandem, ist Ikea doch seit Jahren eine riesige Franchise und nicht mehr wegzudenkende Marke im Möbelsegment. Here is Harold nimmt sich ebendieser Franchise und deren Stellenwertes an, ist jedoch kein schwedischer Film.

Gedreht von einem Norweger, Gunnar Vikene, bekannt unter anderem für seine Filme Himmelfall und Trigger, spielt die Komödie mit dramatischen Elementen auch zum Teil in Norwegen. Dort hat Harold zusammen mit seiner Frau über 40 Jahre stolz sein Möbelgeschäft "Lunde Furniture" geführt - bis ins Jahr 2011, als gerade nebenan eine Ikea-Filiale ihre Tore öffnet und die Kunden bei Harold langsam weniger werden, bis sie sechs Monate später ganz wegbleiben und ihn in die Insolvenz treiben. Hier beginnt die Leidens- und Rachegeschichte des in die Jahre gekommenen Einzelhändlers und touchiert eine Thematik, welche aktueller kaum sein könnte: dass nämlich Grosskonzerne kleine Geschäfte und den Einzelhandel mit Discounterpreisen und Wahnsinns-Angeboten langsam, aber sicher in den Ruin treiben.

Here is Harold ist dennoch eine typisch nordische Filmproduktion: Der trockene, alltägliche Humor bringt den Zuschauer zum Schmunzeln, beispielsweise wenn Harold wild, jedoch unbewusst mit einer Pistole fuchtelnd seine Enkel und Nichte begrüsst, oder als er sich selbst und seinem Geschäft ein Ende setzen will, wobei im dümmsten Moment die Feuerlöschmechanismen losgehen. Es ist definitiv ein eigener Humor, der Geschmackssache ist. Er kann allerdings nie mit Vertretern wie Adams Äpfel oder Dänische Delikatessen mithalten, verliert er doch zu rasant an Fahrt und bewegt sich allerhöchstens auf dem Unterhaltungs-Niveau von Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand.

Spätestens ab der Entführung des Ikea-Gründers Ingvar Kamprad, welche etwas zwischen surreal und seltsam zustande kommt, lässt die Spannung arg nach, und das Werk verliert sich des Öfteren in zu langen und eintönigen Dialogen. Oder dann wird die Szenerie zu skurril, etwa wenn Kamprad selbst Tipps für seine Entführung gibt oder sich in einer seiner Ikea-Filialen zur nächtlichen Ruhe legt. Das is etwas schade, denn die Idee, aus Rache für eine zerstöre Existenz gerade den Ikea-Gründer zu kidnappen, wäre ja ausgefallen, würde sie konsequent durchgezogen. So aber bleibt der Fokus etwas an weiteren Storysträngen hängen, spätestens als sich die 16-jährige Ebba in die Ausführung von Harolds Plänen einmischt.

Cinematographisch gesehen ist Here is Harold kein Meisterwerk, sondern kann eher als solides Handwerk betrachtet werden: Schneebedeckte Ebenen wechseln sich mit ödem Einrichtungs-Beige ab. Auch die Kamerafahrten und -perspektiven sind eher unspektakulär und statisch, weder beschleunigen noch verlangsamen sie das Filmtempo.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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Trailer Deutsch, mit deutschen Untertitel, 01:57