Sea Fog - Haemoo (2014)

Sea Fog - Haemoo (2014)

  1. 111 Minuten

Filmkritik: Menschenschmuggeln für Anfänger

"Richi e ha gseit du sellsch di guet hebe"
"Richi e ha gseit du sellsch di guet hebe" © Studio / Produzent

1998: Die Zeiten sind hart für Captain Kang (Kim Yoon-seok) und seine Fischer-Crew. Aufgrund der Asienkrise lässt sich mit Fischen nur noch sehr wenig Geld verdienen, und dadurch droht Kang alles zu verlieren. Da der sture Mann seine berufliche Zukunft weiterhin auf dem Wasser sieht, beschliesst er, sich mit seinem fünfköpfigen Team im Menschenschmuggeln zu versuchen. Anscheinend gibt es mit dem Transport von Chinesen nach Südkorea viel Geld zu verdienen.

So macht sich die Crew auf in ihr bisher grösstes Seeabenteuer - was weit spassiger klingt, als es in Wirklichkeit wird. Die Fischer und die Immigranten gehen durch die Hölle.

Zuerst lustig-dramatisch, danach unangenehm-spannend: Regiedebütant Sung Bo Shim mischt und wechselt bei seinem Thriller-Drama mühelos die Genres und bietet so erstklassige Unterhaltung mit einer nervenaufreibenden zweiten Hälfte. Haemoo ist einer der besten südkoreanischen Filme der letzten Jahre.

Das südkoreanische Kino produziert nun schon seit mehreren Jahren erstklassige Genreunterhaltung und hat mit Regisseuren wie Chan-wook Park (Oldboy) und Joon-ho Bong (The Host) Talente hervorgebracht, die nun - etwas böse gesagt - auch von Hollywood verheizt werden. In der Heimat hat diese Abwanderung jedoch keinen Qualitätsverlust zur Folge, wie das Beispiel Haemoo beweist. Das Regiedebüt von Sung Bo Shim, der zusammen mit Bong das Skript zu Memories of Murder geschrieben hat, ist allerbestes Spannungskino, welches mit seinen Genrewechseln den Zuschauer immer wieder auf dem falschen Fuss erwischt.

Der Film beginnt als Drama mit humoristischem Touch. Die Crew wird vorgestellt, wobei jedes Mitglied seine ganz eigenen Macken und Probleme hat. Der Kapitän zum Beispiel droht sein Geschäft zu verlieren, während es ihm recht egal ist, dass seine Frau ihn betrügt - einmal geht er sogar während des unehelichen Akts in die gemeinsame Wohnung, ohne irgendeine Regung zu zeigen. Die Szenerie wäre eine deprimierende, aber der Regisseur findet so immer wieder Humor - diese Boot-Gang ist nicht ganz bei Trost, was sie ganz sympathisch macht. Der Gedanke, dass diese schrägen Vögel sich im Menschenschmuggeln versuchen, bringt einen eher zum Grinsen, und man macht sich gefasst auf eine schwarze Komödie mit Spässen auf Kosten der bemitleidenswerten illegalen Immigranten.

Sind diese nach gut 40 Minuten auf das Boot geladen, wechselt jedoch die Gangart. Mittels unerwarteten Wendungen mutiert Haemoo immer mehr zum Thriller, welcher moralische Fragen aufwirft und dabei keine leichte Kost mehr ist. Mehr zu verraten wäre unfair, lebt der Film doch von den Überraschungen. Wenn dann am Ende auch noch Jaws zitiert wird, ist klar, dass Sung Bo Shim viele Vorbilder für seinen Erstling hatte und es schaffte, diese virtuos miteinander zu verbinden. Kaum zu glauben, dass dies sein Erstling ist. Da kann man sehr gespannt auf weitere Projekte sein - bis es dann auch für ihn nach Hollywood geht.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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Trailer Originalversion, mit englischen Untertitel, 00:59