Elephant Song (2014)

Elephant Song (2014)

  1. 110 Minuten

Filmkritik: Play it again, Doc

"Ich schau dir in die Augen, Grosser..."
"Ich schau dir in die Augen, Grosser..." © Studio / Produzent

Ein psychiatrisches Spital in Montreal an einem Heiligabend in den Sechzigerjahren: Eigentlich möchte Dr. Toby Green (Bruce Greenwood) nach Hause zu seiner Frau (Carie-Anne Moss) und seiner an dem Downsyndrom leidenden Tochter. Doch zuerst muss er noch den Patienten Michael (Xavier Dolan) verhören. Denn es wird vermutet, dass dieser mehr über das mysteriöse Verschwinden eines anderen Arztes weiss. Und genau dies möchte Dr. Green aus ihm herauskriegen.

Der unberechenbare Michael liebt es, seine Mitmenschen in Psychospiele zu verwickeln, so dass man nie weiss, woran man bei ihm ist. Schliesslich schafft es Dr. Green aber, ihm das Versprechen zu entlocken, die Wahrheit zu erzählen - allerdings unter drei Bedingungen: Erstens muss der Arzt Michael versprechen, dessen Kranken-Akte nicht zu lesen; zweitens verlangt Michael nach Schokolade; und drittens soll die Krankenschwester Susan Peterson (Katherine Keener), die zu Michael eine persönliche Beziehung aufgebaut hat, nicht involviert werden. Dr. Green akzeptiert diese Bedingungen - doch er weiss zu diesem Zeitpunkt noch nicht, worauf er sich hiermit einlässt.

Charles Binamés Film ist ein stimmungsvoller und spannender Thriller in einer kalten und einengenden Spital-Atmosphäre. Hauptdarsteller Xavier Dolan zeigt darin, dass er auch ein formidabler Schauspieler ist, auch Bruce Greenwood und Katherine Keener überzeugen in ihren Rollen. Der kanadische Film ist ein spannendes Kammerspiel und ein kleiner Geheimtipp.

Für einmal kehrt das gefeierte kanadische Regie-Wunderkind Xavier Dolan als "Nur-Schauspieler" auf die Leinwand zurück und überlässt die Regie seinem älteren Kollegen Charles Binamé. Doch Elephant Song ist trotzdem zu einem grossen Teil Dolans Film. Er beweist darin, dass er auch in dem Metier, in dem er seine Karriere begonnen hat, ein beachtliches Talent besitzt: In der Rolle des unberechenbaren Michael kann er sich von verschiedensten Seiten präsentieren: lustig, todtraurig, vulgär, sensibel - eine dankbare Aufgabe für einen Schauspieler, die er auch mit Bravour meistert.

Doch nicht nur Dolan zeigt eine sehr gute Leistung, auch seine Kollegen stehen ihm in nichts zurück: sei es Bruce Greenwood als Doktor, der aus dem undurchsichtigen Patienten die Wahrheit herauskitzeln will, oder Katherine Keener als Krankenschwester, die diesen besser kennt als jede andere Person. Naturgemäss etwas zurückhaltender agierend als ihr Kollege, ergänzen sie diesen ausgezeichnet. Nur Carrie-Ann Moss hat mit Dr. Greens Ehefrau leider eine etwas überflüssige Rolle erwischt.

Elephant Song ist die Verfilmung von Nicolas Billons gleichnamigem Theaterstück. Und dies merkt man dem Film auch an: Obwohl er mit einer Rahmenhandlung ausgestattet ist, in der Arzt und Krankenschwester in Rückblenden die Geschehnisse während der Befragung rekonstruieren, fokussiert die Kerngeschichte doch auf die sehr engen zeitlichen und räumlichen Grenzen. Es ist ein Kammerspiel zwischen den drei Darstellern, ein Katz- und Mausspiel zwischen Arzt, Krankenschwester und Patient. Und dieses ist packend inszeniert und in schönen Bildern gefilmt, die die beklemmende, kalte Atmosphäre eines psychiatrischen Spitals der Sechziger wiedergeben. Da ist es auch nicht allzu schlimm, wenn am Ende die eine oder andere Frage offen bleibt.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Trailer Englisch, 02:13