Dior and I (2014)

Dior and I (2014)

  1. 90 Minuten

Filmkritik: Die tapferen Schneiderlein

Dior überlässt nichts dem Zufall
Dior überlässt nichts dem Zufall © Xenix Filmdistribution

Paris, 1947. Im Dachgeschoss eines Hauses an der Avenue Montaigne sitzt ein schüchterner Mann hinter seinem Schreibtisch und lässt den Blick durch sein Atelier schweifen. Die Schneiderinnen huschen herum, stutzen da die Stoffe zurecht, sticken dort Faden ein und bekleiden die Models mit ihren Werken. Der Blick des Mannes bleibt kritisch, schliesslich wird es seine erste Modekollektion. Seine Devise lautet: weg von der schweren, kriegerischen Uniformenmode hin zum figurbetonten, femininen Look.

Chefdesigner Raf Simons weiss, was er will
Chefdesigner Raf Simons weiss, was er will © Xenix Filmdistribution

Die Wirkung ist unerhört: Christian Diors Kollektion schlägt in der Modewelt der Nachkriegszeit ein wie eine Bombe. Seither gehört sein Modehaus zu den angesehensten Haute-Couture-Labels der Welt. Das Erbe, das die neuen Chefdesigner antreten, ist riesig, der Druck der Öffentlichkeit immens. Dies bekommt auch der Belgier Raf Simons zu spüren, als er 2012 an die Spitze von Dior tritt. In zwei Monaten will die Welt seine erste Kollektion sehen. Auf diesem Weg begleiten ihn die Kameras Frédéric Tchengs für den Dokumentarfilm Dior and I. Im Hintergrund mit dabei sind stets die tickende Uhr und der wachende Schatten des Modetitanen Christian Dior.

Der Dokumentarfilm Dior and I vermittelt einen exklusiven Blick hinter eines der grössten und angesehnsten Modehäuser der Welt, bleibt immer nahe am Zuschauer und entwickelt einen interessanten, spannenden und zielorientierten Plot. Dass dabei der kritische Blick auf die dunklen Seiten des Modebusiness vernachlässigt wird, muss vom Zuschauer zwangsläufig entschuldigt werden.

Dass sich Frédéric Tcheng in der Welt der Kleider und Klamotten wohlfühlt, zeigt seine Mitarbeit an Filmen über die Modegrössen Diana Vreeland und Valentino Garavani sowie sein Engagement in Werbespots für Modelabels wie H&M, Jimmy Choo oder Ferragamo. Nun präsentiert der Franzose mit Dior and I sein erstes grosses eigenständiges Dokumentationswerk als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent. Als anspruchsvolles Thema dient ihm die Entstehung einer Kollektion der Pariser Edelboutique Dior.

Von der Vorstellung des neuen Chefdesigners Raf Simons hin zur Präsentation dessen erster Dior-Kollektion sind Tchengs Kameras an vielen Orten mit dabei. Sie begleiten den 47-jährigen, für gewöhnlich eher unnahbaren Belgier bei seiner Arbeit eng, porträtieren das Arbeitsklima im Modehaus griffig und bieten exquisite Einblicke in die Welt hinter dem Catwalk. Der Film zeigt eindrücklich die Facetten einer Welt, die offensichtlich keine Hindernisse kennt. Tcheng beleuchtet alle Zellen des Organismus Dior und überlässt den kleinen und grossen Sorgen der Schneiderleute in den Pariser Ateliers adäquaten Raum. Dior and I widmet sich den Menschen hinter den Modekostümen, wobei man sich zwischendurch fragt, ob die vordergründige entspannte Harmonie zwischen allen Mitgliedern des Hauses Dior nicht auch Maskerade ist. Denn wer für Dior arbeitet, arbeitet für Menschen mit höchsten Ansprüchen und somit unter immensem Druck. Das weiss auch Raf Simons.

Bereits der Titel des Films rückt das Spannungsverhältnis zwischen dem Modetitanen Christian Dior und seinem jüngsten Nachfolger Simons ins Augenmerk. In geordnetem Mass wird versucht, eine doppelgängerhafte Verbindung zwischen den beiden Chefdesignern herzustellen, glücklicherweise ohne dabei die Klaviatur der Esoterik allzu fest zu bemühen. Wenngleich dieser metaphysische Schimmer bisweilen am Rahmen der Dokumentation kitzelt, macht Dior and I damit eindrücklich deutlich, wie schwer der ökonomische und insbesondere der künstlerische Druck auf den Schultern des heutigen Haute-Couture-Designers wiegt. Der üblicherweise heikle Versuch, zwei Personen einander gleichzusetzen, gelingt Tcheng reizvoll und gewinnbringend. Er macht den geistigen Prozess fassbar und verleiht dem Film eine zusätzliche spannungsvolle Komponente. Simons' Gang zur neuen Kollektion erweist sich so mitunter als existentielle Gratwanderung zwischen Vergangenheit und Moderne. Entweder lässt er sich vom Erbe des Modetitanen Christian Dior inspirieren, oder er erstickt darin.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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Trailer Englisch, mit deutschen Untertitel, 01:46