Die Demokratie ist los! (2014)

Die Demokratie ist los! (2014)

  1. 87 Minuten

Filmkritik: Von der direkten Demokratie zur Diktatur

Genug Unterschriften für die nächste Brunzinitiative
Genug Unterschriften für die nächste Brunzinitiative © cineworx

Die umliegenden Länder bewundern die Schweiz für ihre direkte Demokratie. Mit Faszination verfolgen sie, wie die Schweizerinnen und Schweizer sich für oder gegen diese oder jene Initiative aussprechen. Doch können wir uns wirklich so glücklich schätzen? Immer mehr Volksentscheide können gar nicht umgesetzt werden, da sie grundlegende Menschenrechte verletzen. Die Bundesverfassung, die als Rahmen für Gesetzesänderungen dienen sollte, wird langsam zur Baustelle.

"Für odr dägege? ...ja, ich unterschrib mal."
"Für odr dägege? ...ja, ich unterschrib mal." © cineworx

Skeptisch macht es zudem, dass gerade rechtspopulisitsche Parteien im umliegenden Ausland das Schweizer System der direkten Demokratie preisen. Auch sie wollen, dass Entscheide wie beispielsweise über das Minarett-Verbot, die Ausschaffung oder die Einwanderung vom Volk gefällt werden, und versprechen sich, wie am Beispiel Schweiz beobachtet, mehr Stärkung ihrer radikalen Ideen und Ideale im Volk. Rechtsexperten warnen vor der jetzigen Entwicklung in der Schweiz, in der der Rechtsstaat abgeschafft zu werden droht.

Die Demokratie ist los! ist eine solide Dokumentation über das Schweizer System der direkten Demokratie und besonders für diejenigen geeignet, die sich nach einer Abstimmung schon als Verlierer gesehen und die Macht des Volkes schon einmal hinterfragt haben. Denn es könnte tatsächlich in Richtung Volksherrschaft gehen mit der Demokratie in der Schweiz - weg vom Rechtsstaat und hin zu einem totalitären System. Schade, konnte der Regisseur seine Emotionen und Ängste nicht mehr zurückhalten, denn so kämpft er mit ähnlichen Mitteln wie diejenigen, die es in der Schweizer Politik überhaupt so weit kommen lassen haben.

Thomas Islers Dokumentation Die Demokratie ist los! ist topaktuell. Die direkte Demokratie in der Schweiz, die sonst in allen Ländern so gepriesen und angestrebt wird, wird in der Schweiz von Volksentscheiden überschattet, die eine Verletzung der Grundrechte mit sich bringt. Der Schweizer Regisseur versucht verschiedenste Perspektiven zu dieser Thematik in seinem Film zusammentragen. So konzentriert er sich nicht etwa darauf, die Abläufe der direkten Demokratie in der Schweiz zu erklären. Er lässt auch die Nachbarländer zu Wort kommen, um ihre Meinung zum Schweizer System kundzutun. Zuweilen ist dieser Mix, der auch durch Unterschriftensammler, Parteisiegesfeiern und Abstimmungen im Bundeshaus angereichert wird, ein wenig unstrukturiert, sodass die die Erzählweise ein wenig holprig daherkommt.

Die Vorgänge des Schweizer Systems der direkten Demokratie werden auch in animierten Comicausschnitten versinnbildlicht. So wird die Bundesverfassung als Bilderrahmen dargestellt, der vom Volk langsam verbogen wird, bis sie eigentlich keinen Rahmen mehr bildet. Gelegentlich holt der Film ein wenig sehr weit aus, um das Schweizer System zu erklären. Dies vielleicht, damit der Film auch über die Landesgrenzen hinaus ein Publikum findet.

Schade ist, dass sich Thomas Isler mit seiner politischen Meinung nicht mehr zurückhält. Zwar lässt er alle Parteien zu Wort kommen, doch die ausgewählten Szenen sind keineswegs neutral gewählt. So zeigt er etwa SVP-Politiker und Nationalrat Hans Fehr am Handy, und wie dieser ausruft: "De isch es Arschloch... Du, mr ghört sich wider. Ich muess go abstimme!" Dies ist zwar eine gute Szene, hilft dem Film aber nicht dabei, zu zeigen, wie sich die Schweiz vom Rechtsstaat wegbewegt. Es wäre schade, wenn der Film als Anti-SVP Film betrachtet würde - denn die Dokumentation hat viel mehr zu bieten.

/ stb

Trailer Schweizerdeutsch, mit französischen Untertitel, 02:02