L'abri (2014)

L'abri (2014)

  1. 101 Minuten

Filmkritik: Schlafen im Bunker

Warten auf Einlass
Warten auf Einlass © Studio / Produzent

Lausanne im tiefsten Winter: Vor dem Eingang eines Bunkers am Stadtrand hat sich eine kleine Menschenmenge gesammelt. Es ist die Notschlafstelle für Obdachlose in Lausanne, wo man für 5 Franken ein Abendessen, ein Bett, eine Dusche und ein Frühstück erhält. Die Obdachlosen müssen sich in zwei Reihen aufstellen: Frauen, Kinder und Alte links, Männer (die grosse Mehrheit) rechts.

Fernand Melgar
Fernand Melgar © Studio / Produzent

Als sich um Punkt 10 Uhr das Tor des Bunkers öffnet, lässt der Aufseher José zuerst die linke Reihe hinein und macht sich dann daran, die rechte Reihe auszusortieren. Darauf bedacht, keine Familien auseinanderzureissen und die verschiedenen Ethnien etwa gleich zu gewichten, werden die Männer hereingelassen - bis die verfügbaren 50 Plätze voll sind und das Tor wieder geschlossen wird. Zurück bleiben gut ein Dutzend einsame Gestalten, denen als Bett für die Nacht die Parkbänke und Unterführungen der Stadt genügen müssen.

Dieses tägliche Ritual hat Fernand Melgar über 6 Monate hinweg beobachtet, und daraus ist der Dokumentarfilm L'Abri entstanden.

"Die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen" - unter diesem Leitsatz hat Fernand Melgar einen weiteren sozialen Brennpunkt in der Schweizer Einwanderungspolitik zum Thema seines neusten Filmes gemacht. L'Abri ist hochspannend, stellt moralisch beissende Fragen und gewährt einen Einblick in eine Welt, über deren Existenz sich kaum ein Schweizer bewusst ist. Dass Melgar dabei zuweilen Informationsgehalt zugunsten emotionaler Schlagkraft opfert, kennt man schon aus seinen bisherigen Filmen.

Mit L'Abri beendet der Lausanner Fernand Melgar seine "Trilogie" von Beobachtungen zum Immigrationssystem der Schweiz, begonnen 2008 mit dem Überraschungserfolg La forteresse und fortgesetzt 2011 mit Vol spécial. Behandelten die vorherigen Filme Einwanderer, die auf ihren Asylbescheid warten oder vor der Ausschaffung stehen, so geht es nun um Personen, die tatsächlich (zeitweise) in der Schweiz bleiben dürfen. Eine optimistischere Herangehensweise also? Mitnichten. Melgar zeigt mit schonungsloser Nähe, wie die Wächter der Unterkunft jeden Abend vor der unmenschlichen Aufgabe stehen, die Obdachlosen "auszusortieren" und dabei einige zwangsweise zu einer Nacht in der Kälte zu verurteilen.

Auch hier bleibt Melgar seinem filmischen Markenzeichen treu: L'Abri ist ein Dokumentarfilm ohne Erzähler, ohne Interviews, ohne Musik, ohne Archivaufnahmen. Stattdessen gibt es nur Melgars Kamera, welche das Geschehen beobachtet - mal aus Distanz, mal mittendrin. Und doch weist nichts auf die Präsenz eines Filmteams hin (ausser einzelnen heimlichen Blicken in die Kamera), da es Melgar offenbar immer wieder gelungen ist, das Vertrauen der Personen zu gewinnen.

Im Schnitt hatten Melgar und sein Team die Mammutaufgabe, aus dem über 6 Monate hinweg (so lange hat die Schlafstelle über Winter offen) gesammelten Material eine Dramaturgie in Spielfilmlänge zu konstruieren. So werden in loser Reihenfolge einige exemplarische Nächte im Bunker gezeigt, und darin verwebt eine Handvoll Einzelgeschichten erzählt. Dramaturgisch funktioniert dies ausgezeichnet, jedoch bringt die Vereinfachung auf einige wenige (möglichst emotionale) Schicksale auch Nachteile mit sich: Vorrang hatten da natürlich die dramatischen Leidensgeschichten und die Enttäuschung der Abgewiesenen, die ihrem Ärger über die Schweizer Bürokratie lauthals Luft machen. Positive Beispiele, von Einwandern die tatsächlich eine Existenz in der Schweiz aufbauen konnten, hatten im Film anscheinend keinen Platz.

Diese Simplifizierung hätte vielleicht vermieden werden können, hätte Melgar auch die zuständigen Behörden und Entscheidungsträger zu Wort kommen lassen. Diese hätten zur Beurteilung der Situation wichtige Informationen liefern können, wie etwa, dass es neben der gezeigten Unterkunft noch zwei andere in Lausanne gibt, oder dass aus Sicherheitsgründen nicht alle der vorhandenen 100 Betten belegt werden dürfen. Doch dies war nicht Melgars Ansatz: Er will keine Antworten geben oder politische Lösungsvorschläge präsentieren, sondern in erster Linie die Perspektive der Betroffenen sicht- und fühlbar machen. Und dies gelingt ihm zweifellos.

/ Jonas Ulrich [jon]

Trailer Französisch, mit deutschen Untertitel, 01:37