Watermarks: Three Letters from China (2013)

Watermarks: Three Letters from China (2013)

  1. 80 Minuten

Filmkritik: Dreimal China

Bauer Wie erzählt
Bauer Wie erzählt © Xenix Filmdistribution

Das Reich der Mitte war in den letzten Jahrzehnten zahlreichen Veränderungen unterworfen. Der Schweizer Dokumentarfilmer Luc Schaedler führt uns diese anhand dreier Beispiele vor Augen. Zuerst porträtiert er den Bauer Wie in Minqin, einem Dorf im Norden des Landes. Trotz einsetzender Wasserknappheit in den Achtzigern hat das Ehepaar ihren Wohnort nicht aufgegeben. Heute wächst im Garten nur noch Fenchel, und auch deshalb sah ihr Sohn keine andere Möglichkeit, als sich gegen sein Herz zu entscheiden und die Siedlung zu verlassen. Als Wanderarbeiter hat er nun selbst eine Familie. Ihn zieht es zurück nach Minqin, seine Frau aber ist strikte dagegen.

Irgendwo im Nirgendwo
Irgendwo im Nirgendwo © Xenix Filmdistribution

Tausende Kilometer entfernt, im Süden Chinas, gibt es Regen genug. Dort aber ist das Dorf Jiuxiancun noch immer verwundet von einem Massaker, dass in den Sechzigerjahren zur Zeit der Kulturrevolution verübt wurde. Der pensionierte Parteisekretär Li Yunchuang erinnert sich daran, meint aber, man müsse in die Zukunft schauen. Doch mögen die Narben des Verbrechens auch verheilt sein; verschwinden werden sie nie.

Die dritte Episode führt in die Mega-City Chonqing. Es braucht eine Weile, bis man merkt, dass der Wildfang Chaomei eigentlich eine Frau und kein Mann ist. Sie schlägt sich in der Stadt durch, während der Vater ausserhalb Tag für Tag Fische aus dem verdreckten Fluss zieht. Obschon die Eltern wollten, dass ihre adoptierte Tochter studiert, respektieren sie ihren Entscheid, in den Tag hinein zu leben. Chaomei dagegen stellt sich die Frage: Werde ich meinen Platz in der Stadt finden?

In seinen beiden vorherigen Dok-Filmen Made in Hong Kong und Angry Monk hat sich der Regisseur und Ethnologe Luc Schaedler bereits ausführlich seiner Faszination für Asien hingegeben. Watermarks - Three Letters from China komplettiert nun seinen Worten nach die Trilogie.

Seinen Ansatz findet Schaedler in China punktuell: einmal Norden, einmal Süden, einmal Landeszentrum, dies die Stationen. Drei kleine Episoden genügen ihm hier, um uns die markanten Umbrüche in diesem riesigen Land zu offenbaren. Dabei wählt er Wasser als gemeinsames, wenngleich etwas lose wirkendes Verbindungselement. Vor allem im zweiten Teil kommt ihm allerdings nicht die starke Bedeutungskraft zu, welche es für die anderen beiden besitzt.

Eindrücklich ist, wie Schaedler und seinem chinesisch sprechenden Ko-Regisseur Markus Schiesser der Zugang zu den Menschen gelingt. Diese erzählen ohne Zurückhaltung oder Reservation und geben dem für uns so schwer zu individualisierenden chinesischen Bürger ein Gesicht, eine Identität. Die insgesamt 180 Stunden Filmmaterial lassen erahnen, wie viel Zeit sich Schaedler und Schiesser nahmen, um das Vertrauen der Porträtierten zu erlangen.

Watermarks - Three Letters from China ist eine ebenso leise wie sorgfältige Dokumentation, die das Bild eines Landes anhand weniger Geschichten schärft. Es sind Filme wie diese, welche - hoffentlich - eine Selbstreflektion auslösen und unsere Lebensumstände neu einordnen lassen.

/ uas

Trailer Originalversion, mit deutschen und französischen Untertitel, 01:40