Ukraine Is Not a Brothel (2013)

Ukraine Is Not a Brothel (2013)

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  2. 78 Minuten

Filmkritik: Ohne Sinn und Verstand

So liest es sicher jeder.
So liest es sicher jeder. © Studio / Produzent

Auf ihren nackten Oberkörpern steht mit schwarzen Stiften "Stop" geschrieben. Das grelle Geläut der Kirchglocken hallt über den Hof, als mehrere Fussgänger verwundert aufschauen. Dann wird ein weisses Stofftuch aus dem Glockenturm gehangen: In grossen Lettern steht auch hier "Stop" geschrieben. Nur wenige Minuten vergehen, bis Polizisten den Kirchturm stürmen und die halbnackten Aktivistinnen von den Glocken wegziehen. Der Protest ist schnell beendet. Für derartige Aktionen ist die feministische Organisation Femen weltbekannt. Mit nackten Brüsten gegen das Patriarchat und die Unterdrückung der Frauen - diese Form des Protests ist nicht allen schlüssig. Es stellt sich die Frage, was diese Frauen antreibt, ihre Körper als Protestplakate zu nutzen.

Auseinandersetzungen mit den Polizisten hinterlassen Spuren.
Auseinandersetzungen mit den Polizisten hinterlassen Spuren. © Studio / Produzent

Femens ursprüngliches Ziel war es, gegen den Sextourismus in der Ukraine zu protestieren. Die Ukraine ist kein Bordell ist der Schlachtruf, den sie sich damals auf die Fahnen und die Oberkörper schrieben. In den vier Jahren seit ihrer Gründung ist die Organisation zu einem Synonym für barbusige Protestmodels geworden. Bisher war jedoch wenig darüber bekannt, wer die Strippenzieher hinter der Gruppierung sind und wie die Aktionen zustande kommen. Ukraine Is Not A Brothel will dies aufklären.

Ukraine Is Not A Brothel folgt den ukrainischen Femen-Gründerinnen auf ihren Protestaktionen. Ob in Weissrussland und der Türkei oder während der Fussball-Europameisterschaft in ihrer Heimat selbst, sie haben überall eine Meinung zu verbreiten. Schnell wird jedoch klar, dass die Gruppe um Inna und Sasha selbst nicht so genau weiss, wofür sie eigentlich steht. Eine Episode, in der gezeigt wird, wie sich die Damen von einem türkischen Geschäftsmann dafür bezahlen lassen, für eine Unterwäschemarke zu werben, wirft dunkle Schatten auf das Femen-Image.

Besonders paradox wird es dann, als nach ungefähr der Hälfte der Dokumentation ein gewisser Victor ins Bild tritt. Der selbsternannte Patriarch gibt zu, sich an Femen zu beteiligen, weil er dadurch an Frauen kommen will. Es ist ihm gelungen. Nun hat er eine ganze Gruppe von Frauen unter sich, die willig seine Protestaktionen ausführen, wie er sie für richtig hält. Was die Aktivistinnen sich dabei auf die nackte Brust schreiben sollen, gehört dabei genauso zu den Anweisungen wie der Zeitpunkt und Ort der Aktionen. So ist es auch kein Zufall, dass fast alle Femen-Mitglieder aussehen wie FHM-Models. All dies wird bereitwillig vor Kitty Greens Kamera enthüllt.

Die Australierin mit ukrainischen Wurzeln, die für Regie, Produktion und Schnitt des Films verantwortlich ist, hat für die Dokumentation vierzehn Monate mit den Aktivistinnen zusammengelebt. Dementsprechend beschränken sich die gezeigten Bilder zumeist auf diverse Proteste der Frauen sowie Interviews mit den Aktivistinnen, ihren Verwandten und Victor. Die Meinung oder Erfahrungen Aussenstehender oder von Experten werden nicht zu Rate gezogen. Unklar bleibt dabei auch, welche Verbindung die ukrainische Gruppe zu ausländischen Femen-Aktivistinnen hat. Dabei stellt sich die Frage, warum alle Beteiligten so offen mit der Tatsache umgehen, dass Femen von einem Mann geleitet wird. Vielleicht ist es der Versuch Innas und ihrer Freundinnen, endlich aus Victors Patriachat auszubrechen. Für viel Wirbel hat die Dokumentation durch die Enthüllungen auf jeden Fall bereits gesorgt.

Fazit: Ukraine Is Not A Brothel deckt auf, dass Femen nicht das ist, was es vorgibt zu sein. Paradox ist das Wort, das einem bei dem Gezeigten am ehesten in den Sinn kommt. Der journalistische Wert der Dokumentation darf allerdings angezweifelt werden.

Swantje Oppermann [swo]

Swantje ist seit 2013 Teil der OutNow-Crew. Zu ihren Lieblingen gehören «Jurassic Park», «When Harry Met Sally» und «Se7en». Bei «Titanic» muss sie noch heute heulen. Das Filmfestival Venedig liebt sie nicht nur wegen der Filme, sondern auch, weil dort der Aperol Spritz in rauen Mengen fliesst.

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