Tore tanzt (2013)

Tore tanzt (2013)

Oder: Der Katze geht's gut! Die Katze ist ok!

Teach me lord.

Teach me lord.

Tore (Julius Feldmeier) ist ein überzeugter und frisch getauftes Mitglied der Jesus-Freaks, einer Gruppe religiöser Punks in einem Hamburger Vorort. Auf einer Raststätte begegnet er Benno (Sascha Alexander Gersak), dessen Auto nicht mehr anspringt. Mit der Hilfe Jesus' bringt Tore den Wagen wieder zum Laufen. Kurz darauf begegnen sich die beiden ein zweites Mal, wobei Benno den an Epilepsie leidenden Tore nach einem Anfall zu sich nach Hause mitnimmt und sich um ihn kümmert. In der Kommune der Jesus-Freaks kommt es bald zu Differenzen, weshalb Tore Bennos Angebot, jederzeit bei ihnen unterkommen zu können, annimmt und im idyllischen Schrebergartenhaus einzieht.

Jesus, lass das Auto anspringen.

Jesus, lass das Auto anspringen.

Tore wird durch seine unbekümmerte Fröhlichkeit innert kurzer Zeit Teil der Familie und gewinnt schnell das Vertrauen von Bennos Tochter Sanny (Swantje Kohlhof). Diese Zuneigung macht Benno rasend eifersüchtig. Seine Wut lässt er an Tore aus, welcher ganz im Sinne von Jesus auch die zweite Wange hinhält. Dass Tore jegliche Verteidigung konsequent verweigert, provoziert Benno zusätzlich. So nehmen die sadistischen Machtspiele immer grausamere Ausmasse an...


Film-Rating

Das Debüt der deutschen Regisseurin Katrin Gebbe hat 2013 in Cannes ganz schön für Aufsehen gesorgt - Buhrufe und stehende Ovationen gleichermassen gibt's wohl eher selten. Die Story beruht frei auf einer wahren Begebenheit, auf die Gebbe durch einen Zeitungsartikel aufmerksam wurde. Darin ging es um einen Jungen, der von einer Familie versklavt wurde. Sie ist der Sache nachgegangen und hat ein Drehbuch geschrieben. Vier Jahre soll die Regisseurin an Tore tanzt gearbeitet haben.

Das Ergebnis ist ein zutiefst beunruhigender, düsterer Film. Schon der Soundtrack wirkt von Beginn weg bedrohlich und lässt Böses erahnen. Über Tores Vorgeschichte wird wenig erzählt. Er leidet an Epilepsie, hat vermutlich keine Familie oder Angehörige, ist tief religiös und kindlich naiv. Benno kommt anfangs als hilfsbereiter Kumpeltyp rüber. Es wird aber schnell klar, dass er seine Aggressionen nicht im Griff hat und zu Jähzorn neigt.

Der Vergleich mit Michael Hanekes Funny Games liegt nah. Es ist schockierend, wie die Täter ihren Opfern emotionslos, gar gleichgültig die übelsten Verletzungen zufügen. Dennoch ist Tore tanzt komplett anders aufgebaut. Die Lust am Sadismus entwickelt sich bei Benno nach und nach und steigert sich mit jedem "Erfolg". Sogar seine eigene Frau Astrid (Annika Kuhl) animiert er zu Misshandlungen, obwohl sie selbst unter seinem herrschsüchtigen Verhalten leidet. Kuhl verkörpert diesen Moment des inneren Zwists fantastisch. Allein an ihrer Mimik erkennt man den Augenblick, als sie die Hemmschwelle überschreitet.

Ja, es gab eine Szene, welche einigen ZFF-Besuchern so sehr auf den Magen schlug, dass sie den Saal vorzeitig verliessen. Allerdings, und hier kann eine weitere Parallele zu Funny Games gezogen werden, deutet der Film die Grausamkeiten nur an und stellt sie nicht offen zur Schau. Die schrecklichsten Gräuel spielen sich im Kopf des Publikums ab.

Tore tanzt ist keine leichte Kost. Trotzdem lohnt sich ein Kinobesuch allein schon wegen der tollen Schauspielleistung. Ein Film zum Nachdenken, der nach dem Abspann für viel Gesprächsstoff sorgt.


OutNow.CH:

Bewertung: 4.0

 

06.10.2013 / mim

Community:

Bewertung: 3.7 (2 Bewertungen)

 

 

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