Short Term 12 (2013)

Short Term 12 (2013)

  1. 96 Minuten

Filmkritik: Von Tintenfischen und Haien

Nemo?
Nemo? © Xenix Filmdistribution

Die hübsche Mittzwanzigerin Grace (Brie Larson) ist Teamleiterin bei Short Term 12, einem Heim für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche. Zusammen mit ihrem Freund und Berufskollegen Mason (John Gallagher Jr.) und anderen sympathischen Mitarbeitern führt sie das Haus ihrer Schützlinge, so gut sie kann. Das Wohlbefinden der Jugendlichen steht an erster Stelle, und jeder noch so grosse Aussenseiter erhält ihre Aufmerksamkeit.

*bounce*
*bounce* © Xenix Filmdistribution

Als die talentierte, aber sehr aggressive Teenagerin Jayden (Kaitlyn Dever) im Jugendheim landet, gelingt es Grace vorerst nicht, eine Verbindung mit ihr aufzubauen. Die in sich gezogene Rebellin lässt keinen an sich ran und versucht bei der ersten Gelegenheit abzuhauen. Als Grace mehr über die Jayden erfährt, wird sie an ihre eigene schreckliche Kindheit erinnert und beginnt zu grübeln. Dies bringt die Beziehung mit Mason derart ins Wanken, dass nur eine Aussprache helfen kann. Doch ist Grace bereit, sich ihrem Freund zu öffnen und ihre Probleme anzusprechen?

Teure Hollywoodproduktionen und ein paar kleinere Überraschungen streiten bald um die heiss begehrten Goldmännchen. Schauspieler und Filmemacher mit bekannten Namen stehen im Rampenlicht wie nur selten im Jahr. Ausserhalb des Trubels und im Schatten der Blockbuster kommt nun ein Drama in unsere Kinos, das nicht nur in Independentkreisen in den Himmel gelobt wurde, sondern auch am letztjährigen Locarno-Filmfestival Preise eingeheimst hat. Short Term 12 ist ein ruhiges, ehrliches und sehr sympathisches Indie-Drama, das die Genrebezeichnung für einmal mehr als verdient hat. Für Fans von emotionalen Achterbahnfahrten, lauten Lachern und unkontrollierbaren Schluchzern ist der Film mehr als nur ein Geheimtipp. Destin Crettons Werk ist schlicht umwerfend.

Basierend auf seinem gleichnamigen Kurzfilm, gelingt Cretton ein gefühlsbetonter, aber nie sentimentaler Einblick in das hektische Leben eines Kinderheimes. Als einladender Kontrast zum stürmisch und anstregenden Alltag der Betreuer inszenierte der hawaiianische Regisseur sein Drama mit einer nahe gehenden Ruhe. Die sehr natürlich wirkenden Charakterzeichnungen, das reizende Schauspiel und eine direkte und ehrliche Fokussierung auf bedrückende Themen wie Missbrauch haben zur Folge, dass sich das Drama zwischendurch wie eine Doku mit dem Herz am rechten Fleck anfühlt. Besonders hervorzuheben ist die Performance von Brie Larson (Scott Pilgrim), die in jeder Szene brilliert und alleine mit ihrer Ausstrahlung Bände spricht.

Die herzerwärmende Intensität, die Short Term 12 vom gewöhnlichen Drama unterscheidet, entsteht durch die Art und Weise der Kommunikation zwischen den Charakteren. Die Gespräche zwischen den Betreuern und den Jugendlichen sind verspielt, direkt und teilweise gar witzig, wobei ein belehrender Ton nur im Off mitschwingt. Das Verständnis, das Grace und ihre Mitarbeiter für ihre Schützlinge an den Tag legen, ist rührend und bewegt sich immer auf realistischem Boden. Sei es nun das ungeschminkte Leid oder das verdiente Selbstvertrauen durch positive Durchbrüche - Crettons Drehbuch jongliert mit den Emotionen seiner Figuren und überträgt sie kinderleicht auf den Zuschauer.

Fazit: Der in 20 Tagen abgedrehte Short Term 12 liest sich auf dem Papier wie ein typisches kleines und mit wenig Geld inszeniertes Indie-Drama, das mit einer sympathischen Geschichte aus dem Leben spricht. Doch ein nur halbherziger Blick auf die Leinwand entpuppt sich schnell als Fehler. Denn Destin Crettons Drehbuch ist facettenreich, bittersüss und so charmant, wie es nur aus einer Perle des Independentfilms stammen kann. Ein wunderschöner Film, der ehrlich, traurig und oftmals mit dem nötigen Humor zeigt, dass tiefschürfende Wunden nur dann heilen, wenn man offen mit jemandem darüber sprechen kann.

Yannick Suter [yan]

Yannick arbeitet seit 2010 als Freelancer für OutNow. Sci-Fi-, Horror- und Mindfuck-Filme sind seine Favorites. Wenig anfangen kann er mit Kostümfilmen und allzu prätentiösen Arthouse-Produktionen. Wer aber etwas über äusserst verstörende Filme erfahren möchte, ist bei ihm an der richtigen Adresse.

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