Rosie (2013)

Rosie (2013)

  1. 106 Minuten

Filmkritik: Aussteigen in Altstätten

Die neuste Badezimmer-Mode, präsentiert von H&M.
Die neuste Badezimmer-Mode, präsentiert von H&M. © Look Now!

Der 40-jährige Lorenz Meran (Fabian Krüger), ein erfolgreicher Autor, kehrt aus seiner Wahlheimat Berlin zurück nach Altstätten im Kanton St. Gallen, um zusammen mit seiner Schwester Sophie (Judith Hofmann) nach seiner Mutter Rosie (Sibylle Brunner) zu sehen. Die alte Frau erholt sich gerade von einem Schlaganfall. Obwohl pflegebedürftig, weigert sie sich, ins Altersheim zu ziehen und beharrt eisern darauf, in ihr Haus zurückzukehren, in dem sie seit dem Tod ihres Mannes alleine gewohnt hat. Beim Anziehen der Strümpfe solle ihr die Nachbarin helfen, alles andere schaffe sie auch alleine.

Obwohl skeptisch, willigen die Geschwister ein, und Rosie kehrt nach Hause zurück. Doch Rosies Zustand verschlechtert sich, zumal sie seit Jahren Alkoholikerin ist. Da Sophie mit einer Weiterbildung und ihrer kriselnden Ehe genug eigene Probleme am Hals hat, ist Lorenz in den kommenden Monaten gezwungen, immer wieder von Berlin nach Altstätten zu reisen, um Rosie zu helfen. Dabei lernt er nicht nur den attraktiven Mario (Sebastian Ledesma) kennen, sondern muss auch feststellen, dass seine Mutter ein trauriges Geheimnis in sich trägt.

Altstätten ist sozusagen das östliche Eingangstor zur idyllischen Postkartenschweiz. Der Grenzort im Kanton St. Gallen ist umgeben von sanften Hügeln, von der Ferne grüsst der Säntis. Die Kleinstadt selbst präsentiert sich im Film von Marcel Gisler - der selbst hier aufgewachsen ist - allerdings eher unspektakulär: als graues helvetisches Allerwelts-Kaff mit Autos, vielen Baustellen und lauter Industrie. Umso lebendiger - so paradox dies angesichts Rosies Gesundheitszustandes klingen mag - wirkt dagegen Sibylle Brunner in der Titelrolle.

Sie ist das unbestrittene Highlight des Filmes, lebt sie doch ihre Rolle mit Haut und Haar: eine traurige, einsame alte Frau, die zu viel trinkt, sich aber dennoch nicht den Schalk und die Lebenslust nehmen lässt. Eine Frau, die unsere Nachbarin sein könnte - so einen lebensechten Charakter hat man im Schweizer Kino schon lange nicht mehr gesehen. Hervorragend sind auch die Szenen zusammen mit Fabian Krüger als Lorenz. Die Kommunikation zwischen der Mutter und ihrem erwachsenen Sohn strahlt mit vielen kleinen Nuancen genau dieses leicht vertraulich-verkrampfte Verhältnis aus, das so vielen erwachsenen Mutter-Sohn-Beziehungen eigen ist.

Etwas weniger überzeugend ist dagegen die Beziehung zwischen Lorenz und seinem love interest Mario alias Sebastian Ledesma in Szene gesetzt. Diese mag als eine Art Fortsetzung von F. est un salaud gedeutet werden, Marcel Gislers letztem Kinofilm, für den er vor 13 Jahren den Schweizer Filmpreis gewonnen hat. Wurde damals die Geschichte eines Teenagers erzählt, der eine Beziehung mit einem über zehn Jahre älteren Mann eingeht, erleben wir hier eine ähnliche Geschichte in anderem Umfeld, diesmal aber aus der Sicht des Älteren. Leider kommt sie aber nicht ohne Klischees aus, und auch die Dialoge sind etwas schwach. Dafür sind für Schweizer Verhältnisse recht offenherzige homosexuelle Sexszenen zu sehen - noch ein Kontrast zum idyllischen Kuhglockengebimmel im Schatten des Säntis.

Marcel Gisler ist zweifellos ein sensibler Film gelungen, ein Film über das Alter und den Umgang mit dem Tod genauso wie über die Beziehungen zwischen Menschen. Gleichzeitig thematisiert er mit dem Alkoholismus im Alter ein Tabuthema. Und auch ein leiser Humor darf trotz allen Ernstes nicht fehlen. Doch das Beste an Rosie ist ganz einfach Rosie. Die gelernte Theaterschauspielerin Sibylle Brunner schafft es, mit Gesten und Mimik eine Titelfigur zu schaffen, die diese Bezeichnung verdient - und die das Drama trotz kleiner Schwächen über den Durchschnitt heraushebt.

/ ebe

Trailer Schweizerdeutsch, 01:37