La religieuse (2013)

La religieuse (2013)

Die Nonne
  1. , ,
  2. 112 Minuten

Filmkritik: Verzicht hinter dicken Mauern

Sister Act?
Sister Act? © Studio / Produzent

Die junge Suzanne Simonin (Pauline Etienne) lebt auf Wunsch ihrer Eltern zur religiösen Ausbildung in einem Kloster. Kurz bevor sie wieder nach Hause zurückkehren darf, erhält sie die Nachricht, dass sie ihren Aufenthalt auf unbestimmte Zeit verlängern muss. Ihre Familie verfügt nicht über die nötigen finanziellen Mittel, um ihr eine Hochzeit ausrichten zu können. Suzanne ist todunglücklich, da sie nicht Nonne werden möchte und sich mit dem Klosterleben nicht anzufreunden weiss. Glücklicherweise nimmt sich die verständnisvolle Oberin der jungen Frau an und führt sie in den Klosteralltag ein. Suzannes Wunsch nach Freiheit bleibt jedoch bestehen. Als die Oberin stirbt, wird Suzanne zum Spielball der neuen Äbtissin und ihrer Mitschwestern, die sie demütigen und schikanieren. Die Äbtissin geht für ihren Glauben über Leichen und schreckt vor nichts zurück.

Ein Blumenkind
Ein Blumenkind © Studio / Produzent

Suzanne gelingen nach vielen Monaten der Qual ein kleiner Triumph und die Verlegung in das Kloster St. Eutrope. Unter der Obhut der dortigen Oberin (Isabelle Huppert) scheint sie sich zunächst wohler zu fühlen, bis deren Verrücktheit ans Licht kommt. Letztlich hilft Suzanne nur die Flucht, um ein neues Leben anfangen zu können.

Denis Diderots gleichnamiger Roman wurde bereits mehrmals verfilmt. 1966 spielte Liselotte Pulver mit Anna Karina unter der Regie von Jacques Rivette in einer gewagten Umsetzung der Vorlage, die zeitweise sogar von der französischen Zensur verboten wurde. In der aktuellen Variante konzentriert sich Regisseur Guillaume Nicloux ganz auf das Schicksal der jungen Suzanne und legt die Kritik an den kirchlichen Formen nur unterschwellig an.

Anfangs ist das fast ein bisschen langweilig, wenn man in den ruhigen Klosteralltag einzusteigen beginnt. Beten, singen, essen, schlafen, ein immer wiederkehrender Ablauf. Doch mit der Zeit wird man in die Geschichte hineingezogen, beginnt langsam zu erahnen, welches Schicksal Suzanne noch vor sich haben wird. Das ist vor allem das Verdienst von Pauline Etienne, die den Film durchweg trägt, der man jede noch so feine Gefühlsregung oder inneren Kämpfe im blassen Gesicht anzusehen vermag. Sie kann den Leiden und Zwängen der Suzanne extreme Glaubwürdigkeit verleihen und weiss mit ihrem Spiel sowohl Mitleid für die Figur als auch Aggression und Unverständnis ob ihrer Behandlung auszulösen. Sie kämpft für ihren Drang nach Freiheit, gegen das Leben hinter Mauern und erträgt ihr Leid fast immer erhobenen Hauptes. Da sich Nicloux' Film mehr auf die Darstellung der Suzanne konzentriert, könnte er eigentlich zu jeder Zeit spielen, ist vielmehr ein Film über Gefangenschaft und Rebellion, als einer über Kritik an der Kirche.

La Religieuse ist ein Kostümfilm in seichtem Gewand, denn die Ausstattung spielt hier kaum eine Rolle. Vielmehr ist er ein ergreifendes Drama, welches sich gegenüber seiner Romanvorlage einige Freiheiten erlaubt. Man kann bemängeln, dass er die im Roman bedeutende Passage über die Übergriffe der Oberin von St. Eutrope mehr andeutet als explizit ausführt. Bei Diderot hätte Isabelle Huppert wesentlich mehr zu tun gehabt, aber bei Nicloux hat das Unterschwellige eben mehr Gewicht als das Grobe. Dank der starken Präsenz der Hauptfigur sowie auch der stark besetzten Nebenrollen bleibt der Film um den unerschütterlichen Drang nach Freiheit noch eine Weile in Erinnerung.

Julia Stache [jst]

Julia ist seit 2007 Freelancerin bei OutNow und kommt aus Berlin. Seit 2002 ist sie regelmässig bei der Berlinale dabei. In Jane-Austen-Filmen kann sie träumen und mitleiden. Sehr angetan haben es ihr Thriller, Christian Bale und James McAvoy.

  1. Artikel
  2. Profil