Closed Curtain - Pardé (2013)

Closed Curtain - Pardé (2013)

  1. 106 Minuten

Filmkritik: Hinter schwarzen Vorhängen

Ode an den Tennisball
Ode an den Tennisball © Studio / Produzent

Ein Mann (Kamboziya Partovi) zieht in ein grosses möbliertes Haus ein und verhängt sofort alle Fenster mit schwarzen Vorhängen. Schnell wird klar, warum: In einer Reisetasche versteckt hat er seinen Hund. Den darf er eigentlich gar nicht besitzen, denn Hunde gelten nach dem islamischen Gebot als unrein. Eine Nachrichteneinblendung im Fernsehen zeigt den brutalen Umgang mit den Tieren. Der Mann verbringt seine Zeit mit Schreiben.

Mehr Meer!
Mehr Meer! © Studio / Produzent

Plötzlich stehen ein Mann und eine Frau (Maryam Moghadam) in der Tür, sie sind Geschwister. Auf der Flucht sind sie beide, und während die Frau in einem Zimmer Zuflucht sucht, ist ihr Bruder schon wieder verschwunden. Die Frau lässt sich nicht abwimmeln. Ganz im Gegenteil stellt sie dem Mann unangenehme Fragen und weiss mehr über ihn, als ihm lieb ist. Beide sind in dem Haus wie Gefangene, während man von ausserhalb immer wieder Geräusche, Stimmengewirr und Schritte hört. Dann verschwindet die Frau, danach der Hund, gefolgt von dem Mann, und der Regisseur Jafar Panahi ist zu sehen.

Er öffnet die Vorhänge, hat Besuch. Sind alle Figuren einschliesslich des Hundes real oder nur Bestandteil eines Drehbuchs, die im Kopf des Regisseurs entstanden sind?

Parde heisst übersetzt Geschlossener Vorhang und ist im übertragenen Sinn ein Film über das Eingesperrtsein. Regisseur Jafar Panahi, von der Mullah-Justiz zu sechs Jahren Gefängnis und zwanzig Jahren Berufsverbot verurteilt, darf den Iran nicht verlassen. Seitdem das Urteil gefällt wurde, sind trotzdem zwei Filme von Panahi erschienen, unter dem Namen anderer Regisseure. Das aktuelle Werk ist so entstanden, wie es im Film gezeigt wird, versteckt, abgelegen und hinter verschlossenen Vorhängen. Es ist ein Film über das versteckte Arbeiten eines Künstlers; ein Film voller Doppeldeutigkeiten und Symbole.

Relativ schnell wird klar, dass es sich bei dem Autor mit dem Hund um Panahi selbst handelt, der sich, sein Handeln und das Tier vor der Aussenwelt verstecken muss. Denn alles, was er tut, ist verboten. Auch die Figur der Frau, die ihn den ganzen Film über begleitet, hat eine Bedeutung. Wenn sie die Vorhänge von den Fenstern und den abgehangenen Filmpostern von Panahi herunterreisst, so steht das für den Drang nach Freiheit, für das freie Denken. Sie soll zeigen, dass es wichtig ist, sich der Öffentlichkeit zu zeigen, anstatt sich ihr zu unterwerfen. Bis hierhin ist alles nachvollziehbar. Doch dann erscheint Panahi plötzlich selbst in seinem Film und übernimmt eine Rolle, nämlich diejenige von sich selbst. Vorbei das Versteckspiel, er bekommt Besuch und lässt sich fotografieren. So wird aus dem Film im Film plötzlich Realität.

Parde zeigt einen heimlich gedrehten Film über einen Regisseur, der nicht arbeiten darf, dem seine künstlerische Freiheit genommen wurde. Über das Verbot setzt er sich immer wieder hinweg, gegen alle möglichen Konsequenzen. Sein Film zeigt den Mut des Aufbegehrens, arbeitet mit vielen Symbolen, die erst nach und nach deutlich werden. Nach einem starken Anfang wird die Handlung teilweise etwas wirr, gibt es stellenweise doch zuviel doppelten Boden zu ergründen. Aber wenn man bedenkt, unter welchen Bedingungen der Film entstand und was dahintersteht, stört es nicht, noch lange über die eine oder andere Bedeutung nachdenken zu müssen. Ein erschütternder Film, sowohl politische Stellungnahme als auch eine sehr persönliche Inszenierung eines Eingesperrten.

Julia Stache [jst]

Julia ist seit 2007 Freelancerin bei OutNow und kommt aus Berlin. Seit 2002 ist sie regelmässig bei der Berlinale dabei. In Jane-Austen-Filmen kann sie träumen und mitleiden. Sehr angetan haben es ihr Thriller, Christian Bale und James McAvoy.

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