The Manor (2013)

The Manor (2013)

  1. 80 Minuten

Filmkritik: Adipositas versus Anorexie

Eine schrecklich nette Familie
Eine schrecklich nette Familie © Studio / Produzent

Als Shawney Cohen sechs Jahre alt war, eröffnete sein Vater einen eigenen Stripclub. In Öl kämpfende, halbnackte Frauen und Lapdances gehörten von klein auf zum Alltag von Shawney und seinem Bruder Sammy. 30 Jahre nach der Eröffnung des Lokals zeigen sich dessen Auswirkungen auf das Familienleben. Während die beiden Söhne Schwierigkeiten haben, eine erfüllende Beziehung zu führen, beschäftigen die Eltern auch noch ganz andere Probleme: Beide haben schwere Essstörungen.

Während Shawneys Vater Robert mit seinen 180 Kilogramm schwer übergewichtig ist, wiegt seine Mutter Brenda nur noch verschwindende 39 Kilogramm. Obwohl sich beide der Gefährlichkeit ihrer Krankheit bewusst sind, bemängeln die Eltern lieber die Essgewohnheiten des Partners, als an sich selbst zu arbeiten. Bald wird klar, dass die Probleme viel tiefer liegen als vorerst angenommen, und dass das "Hotel", wie Brenda das Striplokal ihres Mannes bezeichnenderweise nennt, eine grosse Mitschuld an den zerrütteten Familienverhältnissen trägt.

In seinem Erstlingswerk rückt Shawney Cohen seine eigene Familie vor die Linse. Während vier Jahren machte er Aufnahmen und sammelte Material für seine Dokumentation. Intime und ehrliche Momente zeugen davon, dass seine Familie wohl nicht damit rechnete, dass der Film für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Einige Szenen sind solche Glücksfälle, dass sie den Eindruck erwecken, nachinszeniert worden zu sein. Doch Cohen filmte insbesondere im Familienhaus und im eigenen Stripclub, wo auch seine Familie nie fern war.

Shawney Cohens Dokumentarfilm alterniert zwischen alltäglichen Szenen - wie gemeinsamen Essen der Familien oder dem Arbeitsleben im Stripclub - und persönlichen Gesprächen mit den einzelnen Familienmitgliedern und Freunden. Auch Cohen selbst zeigt sich oft in Interaktion mit seiner Familie vor der Kamera. In diesen Szenen übernimmt eine kleine Crew die Kameraführung. Persönlichere und nicht alltägliche Szenen nimmt der Kanadier selber auf und lässt das Publikum so sehr nah an seine Familie ran. Diese wirkt dann auch sehr unverstellt und offen für seine Fragen. Gelegentliche Erzähleinschübe von Cohen führen den Zuschauer, drücken ihm aber keine Meinung auf.

Mit der Essstörung seiner Eltern trifft Cohen den Zahn der Zeit. Wie krankhaft und doch normal die ganze Thematik ist, das zeigt der Film. Besonders bewegend sind die Szenen zwischen Cohen und seiner Mutter. Die Produktion der Doku scheint die Familie erst näher zusammengebracht zu haben. Besonders gelungen sind die Präsentation der verschiedenen Schicksale und die Suche nach der Ursache der Probleme. Cohen scheint mit der Doku über seine Familie nichts Bestimmtes bezwecken zu wollen. Vielmehr möchte er selber mehr über die Umstände und Verhältnisse erfahren.

Fazit: The Manor ist eine sehr persönliche und berührende Doku über Diskrepanzen im Familienleben, Akzeptanz und Verdrängung. Da es sich um echte Personen handelt, ist ihre Geschichte umso faszinierender und erschütternder. Auch wer sich nicht für Stripclubs oder Essstörungen interessiert, wird die Menschen in dem Film in sein Herz schliessen und mit ihnen mitfühlen.

/ stb