Lovely Louise (2013)

Lovely Louise (2013)

  1. ,
  2. , ,
  3. 91 Minuten

Filmkritik: André, das Mamititti

The same procedure as every day
The same procedure as every day

André (Stefan Kurt) und seine achtzigjährige Mutter Louise (Annemarie Düringer) führen einen ordentlichen Haushalt. Während er sein Geld als Taxifahrer verdient, tritt sie gelegentlich im regionalen Theater auf. Die übrige Zeit wird mit Modell-Flieger-Basteln oder, in Louise's Fall, beim Sprüngli verbracht. Die symbiotische Mutter-Sohn Beziehung ist mehrheitlich auf Schuldgefühlen und der Suche nach Anerkennung aufgebaut.

Der Wein trügt
Der Wein trügt

Völlig unvermittelt nistet sich der impulsive Bill (Stanley Townsend) in das geregelte Leben der beiden Gewohnheitstiere ein. Nimmt André ihn zuerst als unerwünschten Eindringling war, scheinen sich dank dem Deutsch-Amerikaner plötzlich Türen in ein völlig neues Leben zu öffnen. Obwohl das Geld knapp ist, wahrt Louise den Schein einer feinen alten Dame und schreckt dabei auch nicht davor zurück, auf das Sparkonto ihres Söhnchens zurückzugreifen.

Nach dem Erfolg von Die Herbstzeitlosen bringt Bettina Oberli erneut eine alte Dame auf Schweizer Leinwände.
Diesmal steht jedoch weniger die Rentner-Fraktion im Mittelpunkt, sondern Muttersöhnchen André, gespielt von Stefan Kurt (Der Verdingbub). Der verbohrte Junggeselle wirkt gerade noch normal genug, um sympathisch zu bleiben, kein abgedroschener Klischee-Loser also. Er steht unter der Fuchtel seiner Mutter Louise, die eigentlich alles andere als lovely ist, von Annemarie Düringer aber wunderbar dargestellt wird.

Konkret dreht sich Lovely Louise um den Konflikt zwischen Egoismus und Beziehungsdrang. So hat jeder seine Leichen im Keller, versucht diese zu vertuschen und den Schein zu wahren. Dass mit diesem Schauspiel oft mehr kaputt geht, als wenn man zu seinen Fehlern stehen würde, bildet sich als End-Moral heraus.

Das von Gewohnheiten geprägte Leben in trauter Zweisamkeit verbirgt viele komische Situationen und Rituale, die filmisch wunderschön dargestellt werden. Die verklemmten Charaktere werden bildtechnisch raffiniert unterstrichen, mit wenig Bewegung, viel Symmetrie und rahmenhaften Linien. Vielleicht liegt dieses perfekte Zusammenspiel von Inhalt und Bild an der Beziehung zwischen Regisseurin und Kameramann; Stéphane Kuthy ist Oberlis Lebenspartner. Auch Cutter Andrew Bird trug viel zum Gelingen des Streifens bei. Hat er schon an Miranda Julys The Future gewerkelt, verleiht er auch der Schweizer Produktion eine künstlerische Note.

Das Werk lebt von Charme, Witz und Charakter, die sorgfältige Detailarbeit wird sichtbar. Trotz Swimming-Pool-Schlägerei und dramatischer Klippen-Exkursion kommt es nicht zu Stimmungshöhepunkten im Zuschauerraum, was aber auch in Ordnung ist; der Streifen hält so an seinem ruhigen Charme fest - Kompliment an Cast und Crew.

/ mar

Trailer Schweizerdeutsch, 01:40