The Harvest (2013)

The Harvest (2013)

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Filmkritik: Trau keinem Arzt!

Bitte nicht schon wieder die Zeugen Jehovas!
Bitte nicht schon wieder die Zeugen Jehovas! © Studio / Produzent

Die Schülerin Maryann (Natasha Calis) hat gerade beide ihre Eltern verloren und ist dadurch gezwungen, zu ihren Grosseltern aufs Land zu ziehen. Die kecke Teenagerin musste ihre Freunde hinter sich lassen und ist nun etwas auf sich alleine gestellt. Beim Streifzug durchs Grüne entdeckt sie ein alleinstehendes Haus. Mithilfe einer kleiner Leiter klettert sie zum Fenster und blickt in ein Kinderzimmer. Sie trifft auf Andy (Charlie Tahan), einen Jungen in ihrem Alter, der aber schwer krank und an den Rollstuhl gefesselt ist. Die beiden verstehen sich auf Anhieb perfekt.

Andys Eltern Katherine (Samantha Morton) und Richard (Michael Shannon) konzentrieren sich fast vollständig auf ihren Sohn. Die Liebe zueinander ist längst verflogen und Richard hat seine anstrengende Ehefrau satt. Katherine ist Ärztin und tut alles dafür, um Andy zu heilen. Andy braucht Ruhe. Andy braucht Schlaf. Andy darf nicht spielen. Maryann erhält ein Verbot, ihren neuen Freund zu besuchen. Als sie sich heimlich in sein Zimmer schleicht, entdeckt sie Schreckliches, doch keiner glaubt ihr.

John McNaughtons The Harvest ist packendes Psychodramakino, intelligent verpackt in einem sympathischen, indie-angehauchten Feel-Good-Movie. Ein kleiner, wunderschöner Tyrann, der seine Monstrosität tiefgründig, verständlich und deshalb auch etwas versteckt zum Besten gibt. Wer dann auch noch talentierte Schauspieler wie Michael Shannon oder Samantha Morton mit an Bord hat, kann wahre Wunder bewirken. The Harvest ist bis auf den etwas konstruiert-kitschigen Schluss eine dramaturgisch vorzüglich erzählte Filmperle, die hoffentlich für Aufsehen sorgen wird.

Als an den diesjährigen Oscarverleihungen Leonardo DiCaprio zum wiederholten Mal leer ausging, hat sich die Internet-Community über diesen nun seit Jahren währenden Fehlentscheid mit unzähligen Tweets und Bildern gewehrt. Doch DiCaprio ist bei weitem nicht der einzige Schauspieler, der bereits mehr als einmal ein Goldmännchen verdient gehabt hätte. Einer dieser nicht ganz so berühmten, aber ebenfalls sehr talentierten Darsteller ist Michael Shannon. Für Revolutionary Road wurde er immerhin nominiert, bei Take Shelter und Bug hingegen eiskalt übergangen. Natürlich spielt die Grösse der Filme bei solchen Preisen eine essentielle Rolle, doch auf die schauspielerischen Fähigkeiten reduziert, hat uns Shannon mit grossartiger Arbeit immer wieder überwältigt. Auch in The Harvest von John McNaughton überzeugt er erneut mit einer perfekt auf ihn zugeschnittenen Rolle. Der Wild Things und Henry: Portrait of a Serial Killer-Regisseur präsentiert mit seinem neusten Werk ein kleines, sehr intimes Indie-Psychodrama, das lange den Anschein macht, als befände man sich in einer Feel-Good-Komödie.

Das Herz von The Harvest ist ohne Frage der herausragende Cast. Shannon, Morton, die junge und äusserst sympathische Natasha Callis, wie auch der sehr natürlich wirkende Charlie Tahan als kranker Sohn Andy bilden ein Schauspielquartett der Extraklasse. Ebenso überzeugen kann das Drehbuchdebüt von Stephen Lancellotti. Der Mix aus Rob Reiners Stephen-King-Verfilmung Misery und gängigen Indie-Dramen geht runter wie eisgekühltes Wasser an einem heissen Sommertag. Die Figuren sind gut gezeichnet, die Wendungen kommen unerwartet und sitzen perfekt und die nicht ganz neue Thematik wird mit vielen Details sowie einem angenehmen Spannungsbogen garniert. Es ist einfach toll, den Protagonisten in ihren grandios getimten Rollen zuzuschauen, auch wenn gerade Mama Katherine wie einst Kathy Bates grausam am Nervenkostüm zerrt. Ihre Figur ist schlicht phänomenal und verdient den Ausdruck Rabenmutter wie keine zweite.

Für einen voll umfänglich gelungenen Filmgenuss fehlt The Harvest aber ein ebenso starkes Abschlusskapitel. Hier wäre weniger deutlich mehr gewesen. Denn anstatt die Intimität und Tiefgründigkeit der Geschichte bis am Schluss aufrecht zu erhalten, driftet das Psychodrama ab in ein gut gemeintes, aber definitiv zu abgerundetes Finale. Obwohl dies nur wenige Minuten des Films ausmacht, entsteht doch ein etwas fader Beigeschmack, der an der Intensität des gesamten Werkes nagt. Trotzdem hat McNaughton aber einen beeindruckenden Leckerbissen inszeniert, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

Yannick Suter [yan]

Yannick arbeitet seit 2010 als Freelancer für OutNow. Sci-Fi-, Horror- und Mindfuck-Filme sind seine Favorites. Wenig anfangen kann er mit Kostümfilmen und allzu prätentiösen Arthouse-Produktionen. Wer aber etwas über äusserst verstörende Filme erfahren möchte, ist bei ihm an der richtigen Adresse.

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