Harmony Lessons - Uroki garmonii (2013)

Harmony Lessons - Uroki garmonii (2013)

Oder: Die Schule prägt das Leben

Die neue Trendsportart: Bücher-Hauen

Die neue Trendsportart: Bücher-Hauen

Der 13-jährige Aslan (Timur Aidarbekov) lebt in ärmlichen Verhältnissen bei seiner Grossmutter. Während einer ärztlichen Untersuchung seiner Klasse wird er von den Mitschülern schwer gedemütigt. Damit nicht genug, ist er das Opfer einer Gruppe von Jungs, die an der Schule Schutzgeld von kleineren Kindern erpressen. Der Anführer dieser Gruppe ist Bolat (Aslan Anarbayev), der allen Schülern , unter Androhung des Todes, den Umgang mit Aslan verboten hat. So fristet Aslan seine Tage alleine, auch wenn man ihm hinter vorgehaltener Hand zuflüstert, er wäre eigentlich ein ganz Netter.

Pennen auf der Pritsche

Pennen auf der Pritsche

Aslans ohnehin schon schwer angeschlagene Psyche hält diesen Druck nicht aus. Entweder äussert sich seine innere Anspannung in einem extremen Waschzwang, oder er spuckt das Klassenzimmer voll. Zu Hause in seinem Zimmer experimentiert er mit Kakerlaken und entwirft eine eigene Waffe. Unterstützung findet er erst durch einen neuen Mitschüler, der Bolat entgegensetzt. Doch dann kommt es zu einem Zwischenfall, der beide Jungs plötzlich ins Gefängnis führt.


Film-Rating

Harmony Lessons ist Regisseur Emir Baigazins erster Spielfilm und zugleich eine Studie über Gewalt und Ausgrenzung, die jeder schon einmal erlebt hat und worüber täglich in den Zeitungen zu lesen ist. Es ist eine Geschichte nicht nur über Mobbing unter Kindern, sondern vielmehr auch über Unterwerfung im öffentlichen Leben - angefangen bei den unfreundlichen, barschen Ärzten bis zu den Lehrern, die nicht für ihre Schüler da sind. Lieblos halten sie ihren Unterricht ab, und die Funktion der Schule, neben der Bildung auch die Persönlichkeit zu formen, geht völlig verloren. Gipfeln tut die Unterwerfung letztlich bei der Polizei, die auch gegen Kinder und Jugendliche mit äusserster Gewalt vorgeht.

Diese am Anfang des Films eher erst beiläufige Gewalt steigert sich zunehmend und ist zugleich die Abbildung einer Art Machtstruktur, die von gross nach klein, aber leider auch umgekehrt, läuft. Auch wenn Aslan hier vor allem das Opfer ist, so ist er zugleich ein Glied dieser Struktur und reagiert sich an den Schwächeren ab. Seine Experimente an Insekten und Eidechsen sind eine Unterdrückung von Lebewesen, die sich nicht wehren können. Trotzdem ist Aslan weiterhin der Gute im Film, denn das wirklich Böse, es kommt von allen anderen um ihn herum. Es ist eine Konfrontation mit Ausgrenzung und Verachtung, eine Brutalisierung des öffentlichen Lebens, die nicht nur im ländlichen Kasachstan besteht, sondern auch in unserem Alltag Einzug hält. Wenn in einem so frühem Stadium Kinder schon von Erpressung und Brutalität umgeben sind, fragt man sich, was aus ihnen werden wird, wenn sie erwachsen sind und niemand ihnen Grenzen aufzuzeigen mag.

Harmony Lessons verpackt das ganze Elend seiner Geschichte in schöne Bilder. Dadurch kommt es noch mehr zur Geltung. Die Bilder wirken umso schockierender, weil der Film durchweg eine enorme Ruhe ausstrahlt. Die Botschaft wird dabei nicht offensichtlich transportiert, sondern vielmehr als ein realer Bestandteil des Lebens, zum Teil als einziger Sinn, um zu überleben. Es ist das Schicksal eines Jungen, der sich wehrt, der Opfer ist und zugleich zum Täter wird, der Demütigung erfährt und zugleich an Schwächeren, den Insekten, ausübt. Dadurch zerstört er sich selbst mit der Zeit. Ein eindrucksvoller Debütfilm, der auch Angst macht.


OutNow.CH:

Bewertung: 5.0

 

15.02.2013 / jst

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