Der grosse Kanton (2013)

Der grosse Kanton (2013)

Filmkritik: Deutschland? Zum mitnehmen, bitte!

Giacobbo schreitet zur Tat
Giacobbo schreitet zur Tat © Vega Film

Jaja, die Deutschen - ständig wollen sie Bankdaten und streiten wegen des Fluglärms. SPD-Politiker Peer Steinbrück meinte sogar, dass man mit der Kavallarie den Eidgenossen Einhalt gebiete müsse. Man sieht also, dass das Verhältnis zu unserem Nachbarn im Norden auch schon mal ein wenig besser war. Satiriker Viktor Giacobbo hat nun die Idee, wie man all diese Probleme ganz schnell lösen könnte: Deutschland soll doch einfach als neuer Kanton der Schweiz beitreten. Auf einen Schlag wären den Deutschen die EU-Sorgen genommen und die Schweiz hätte endlich einen Zugang zum Meer.

"Wollen wir das wirklich?"
"Wollen wir das wirklich?" © Vega Film

Was halten die Entscheidungsträger von diesem Plan? Um das herauszufinden, sprach Giacobbo unter anderem mit Politikern wie Gregor Gysi, Joschka Fischer, Doris Leuthard und Natalie Rickli, Ex-UBS-Chef Oswald Grübel, Radio- und Fernsehmacher Roger Schawinski sowie mit Verleger Michael Ringier. Die Überraschung: Einige finden die Idee gar mal nicht so schlecht.

Acht Jahre sind seit dem letzten Giacobbo-Film, Undercover, ins Land gezogen. Doch der Winterthurer ist in dieser Zeit mehr als fleissig gewesen. So war er mit dem Zirkus Knie unterwegs, war auf und hinter der Bühne des Casinotheaters Winterthur aktiv und mit Kollege Mike Müller wurde die Satire-Sendung "Giacobbo/Müller" auf die Beine gestellt. Am meisten Beachtung, und wohl auch deshalb am meisten Kritik, erntete letzteres Projekt. Bei der Sendung wurde oftmals die zu wenig hohe Gagdichte und die fehlende Bissigkeit im Vergleich zu "Viktors Spätprogramm" bemängelt. Auch Der grosse Kanton krankt an ähnlichen Symptomen. Der Film zeigt einen zu zahmen Satiriker, wie er seine These "Deutschland als Kanton zur Schweiz" unters Volk und die Entscheidungsträger bringt und dabei niemanden allzu fest beleidigen möchte.

Dabei wird das humoristische Pulver gleich zu Beginn fast komplett verschossen. Die These wird mit vielen lustigen Ausschnitten - unter anderem mit Heino und Obelix - garniert, die fast schon zu schnell am Zuschauer vorbeirasen. Hat Giacobbo mal seine Gesprächspartner am Mikrofon, wird es dann schnell eintönig, und der nicht vorhandene rote Faden macht sich schnell bemerkbar. Alle geben ein bisschen ihren Senf zum Thema, wobei nur die wenigsten wirklich lustig sind und viele allzu theoretisch an die Sache herangehen. Kabarettist Gerhard Polt macht zum Beispiel Spass, während Bundesrätin Doris Leuthard zwar ihre Freude hat, diese aber nicht mit dem Zuschauer teilen kann.

Natürlich hat es sich Giacobbo auch hier nicht nehmen lassen, in die aus seinen Sendungen bekannten Figuren und Parodien zu schlüpfen. Doktor Klöti, Muammar al-Gaddafi und Donatella Versace haben hier auch was zu sagen - wie immer Geschmackssache. Die Frage drängt sich da auf, warum Giacobbo, der in Deutschland wenig bekannt ist, nicht mit diesen Figuren eine Umfrage auf der Strasse gemacht hat. Es wäre doch ein Lustiges gewesen, wenn der Schnellschnurri Klöti die Deutschen zu den langsamen Schweizern befragt hätte - im Stil eines Sacha Baron Cohen in Borat und Brüno. Dem stand jedoch das Ziel im Wege, auch an die hohen Tiere heranzukommen - und dem Gegenüber wollte man sich dann natürlich korrekt verhalten.

Fazit: Der grosse Kanton gefällt zwar mit einer guten satirischen Grundidee, wird aber aufgrund einer zu netten Inszenierung fast ganz verschenkt. Zuerst ist's ganz lustig, wird dann aber immer trockener. Giacobbo und sein Team wirken in Sachen Erzählton und Kameraarbeit wie ein Schülerteam, das einen Filmauftrag gefasst hat. Das klingt allerdings alles viel schlechter, als es in Wirklichkeit ist. Kurzweil ist während der 87 Minuten garantiert. Nur hätten die Ziele für sein solches Projekt doch etwas höher sein dürfen.

Chris Schelb [crs]

Chris arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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Trailer Deutsch, 01:35