Les Grandes Ondes (2013)

Les Grandes Ondes (2013)

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  2. 85 Minuten

Filmkritik: Odyssee in Portugal

Profis bei der Arbeit
Profis bei der Arbeit

Die Schweiz braucht unterhaltsame und positive Nachrichten, keine Beiträge über AKWs, Kriegsdemonstrationen und Frauenstimmrecht! Deren Meinung ist zumindest die SRG im Jahr 1974. Umso glücklicher ist Programmchef Philippe de Roulet (Jean-Stéphane Bron), als im Archiv ein Thema ausgegraben wird, das exakt zur gewünschten Botschaft zu passen scheint: Schweizer Entwicklungshilfe in Portugal.

Bitte einer nach dem anderen!
Bitte einer nach dem anderen!

Roulet beauftragt kurzerhand die Reporterin Julie (Valérie Donzelli), eine waschechte Feministin Marke Siebzigerjahre, nach Portugal zu reisen und die dortigen Schweizer Errungenschaften zu dokumentieren. Diese ist alles andere als begeistert, nimmt den Auftrag aber in der Hoffnung an, dadurch endlich ihr eigenes Radioprogramm zu erhalten. Zusammen mit dem griesgrämigen Kriegsberichterstatter Cauvin (Michel Vuillermoz) und dem kurz vor dem Ruhestand stehenden Tontechniker Bob (Patrick Lapp) macht sie sich auf den Weg nach Portugal. Dort findet das Trio - unterwegs in Bobs VW-Bus - jedoch ganz andere Zustände vor als erwartet. Als zu allem Übel auch noch eine Revolution ausbricht, überstürzen sich die Ereignisse.

Filme, die von den nationalen Revolutionen der Sechziger und Siebziger handeln, gibt es zuhauf - sei es über Chile (Missing), Griechenland (Z) oder zuletzt über den Iran (Argo). Lionel Baier (Un autre homme) hat sich nun mit Les Grandes Ondes die portugiesische Revolution von 1974 vorgenommen. Ganz anders als die erwähnten Beispiele hat sich Baier jedoch entschieden, aus dem Thema eine Komödie zu machen. Aufhänger dafür ist ein satirischer Blick auf die Schweizer "Entwicklungshilfe" in Portugal, die sich bald als Projektion helvetischer Selbstüberschätzung entpuppt. Daraus entstehen zweifellos die unterhaltsamsten Szenen des Filmes: etwa, wenn die Reporter eine "Schweizer Schule" besuchen, nur um zu erfahren, dass gerade mal die Pausenplatzuhr von der Schweiz gestiftet wurde.

Auch sonst bietet der Film einige durchaus witzige Szenen, viele davon dank dem gelungenen Zusammenspiel der drei Hauptdarsteller. Insbesondere Michel Vuillermoz, ein Veteran des französischen Kinos, vermag als alternder, undurchschaubarer Cauvin zu überzeugen. Der Humor reicht jedoch kaum über einzelne Szenen hinaus und besteht oft aus Slapstick-Einlagen, etwa wenn sich Bob und ein im Auto sitzender portugiesischer Geheimagent gegenseitig Grimassen schneiden. Zeitweilen wirkt das etwas bemüht, da solche Szenen die Handlung des Filmes nicht wirklich vorantreiben. Darin mag das grösste Problem von Les Grandes Ondes liegen: Viele Sequenzen wirken eher wie Sketches einer Fernsehsendung denn wie Szenen eines Kinofilmes. Insgesamt gesehen fehlt dem Film ein stringenter Erzählfluss, als Folge bleibt bei den Zuschauern ein inkonsistenter, abgehackter Eindruck.

Was dem Film insbesondere gut getan hätte, wäre ein stärkerer Spannungsbogen und ein Ziel, auf das die Handlung hinsteuert. Denn Baier bemüht sich zwar redlich um die Entwicklung der Figuren und ihrer Konflikte, schafft es jedoch nicht, dies auch in einen spannenden Plot einzubetten. Nachdem sich herausstellt, dass nicht das erwartete Material für die Reportage vorhanden ist, überlegt das Trio hin und her, ob sie die Mission abbrechen und in die Schweiz zurückkehren sollten, ohne wirklich zu einer Entscheidung zu kommen. Diese Unentschlossenheit trifft auch auf den Film zu, welcher nicht recht zu wissen scheint, wohin er möchte. Erst im Schlussteil, als am Höhepunkt des Aufruhrs die vermeintliche Schweizer Entwicklungshilfe zur Revolutionshilfe wird, gelingen dem Film einige wirklich stimmungsvolle Momente, die sein satirisches Potential offenbaren.

Die Ausgangslage von Les Grandes Ondes stimmt: originelle Grundidee, passende Darsteller, überzeugende historische Ausstattung. Doch um daraus ein scharfsinniges, sowohl ernsthaftes als auch humoristisches Revolutionsportrait - man denke an Sergio Leones Todesmelodie - zu machen, fehlt dem Film schlicht die Substanz.

/ jon