Gangster of Love (2013)

Gangster of Love (2013)

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  3. 75 Minuten

Filmkritik: Der Pate

"Man nennt mich auch die kroatische Antwort auf Amélie..."
"Man nennt mich auch die kroatische Antwort auf Amélie..." © Studio / Produzent

Die Karriere von Nedjeljko Babic - kurz: Nedo - begann vor über 30 Jahren. Damals musste er in die Armee einrücken und überliess seinem besten Freund freimütig seine damalige Freundin. Dies war Nedos erste arrangierte Ehe. In Zwischenzeit sind über 200 weitere hinzugekommen. Nedo ist ein professioneller Kuppler geworden. Sein Spitzname: "Gangster te voli" - "Gangster der Liebe". Ganz alte Schule, setzt er auf eine Kartei von handschriftlich ausgefüllten Formularen. Bisher hat er noch für jede Heiratswillige und jeden Heiratswilligen das passende Gegenstück gefunden.

Doch die 35-jährige Bulgarin Maya ist ein schwieriger Fall. Zwar hat sie ein ansprechendes Äusseres, doch die Tatsache, dass sie keine Kroatin ist und einen kleinen Sohn hat, schreckt viele potenzielle Ehemänner ab. Fast scheint, als müsste auch der Kuppler-Profi kapitulieren. Doch dann bekundet ausgerechnet der eigenbrötlerische Marin Interesse, ebenfalls ein schwierig zu vermittelnder Kunde Nenos. Zwischen den beiden scheint sich eine zaghafte Romanze anzubahnen - doch findet der schüchterne Marin den Weg aus seinem Schneckenhaus?

Livechats, Online-Singlebörsen oder Speeddating - das alles existiert im Universum des Liebes-Gangsters Nedo noch nicht. Der Protagonist im Dokumentarfilm von Nebojša Slijepcevic setzt auf die persönliche Vermittlung und seine Überzeugungskraft, um die Menschen zusammenzubringen. Der Spitzname ist dabei wohl nicht ganz zufällig, erinnert er mit seinem Schnurrbart und der Sonnenbrille, die er nie abnimmt, doch eher an einen Mafia-Paten denn an einen Liebesengel.

Das Bild des Paten passt aber gar nicht mal so schlecht. Amüsant sind die Szenen, in denen Nedo zwei potenzielle Heiratskandidaten einander vorstellt. Dabei redet er vorwiegend selbst, während sich die beiden potenziellen Ehepartner höchstens verstohlene Blicke zuwerfen. Als roten Faden hat Slijepcevic die Geschichte der Mittdreissigerin Maya gewählt. Gerade weil die Region, in der der Film spielt, sehr arm ist, hat sie als alleinerziehende Mutter einen schweren Stand. Denn niemand möchte für ein Kind aufkommen.

Die zart aufkeimende Liebesgeschichte zwischen ihr und dem schüchtern-verstockten Marin ist ein schönes Element des Filmes. Hingegen zehren die zahlreichen Aufnahmen von traditionellen Kuhkämpfen, während derer Nedo neue Kundschaft akquiriert, eher an der Geduld. Stattdessen würde man als Zuschauer lieber ein wenig mehr über Nedos Geschäftsmodell erfahren: Wofür genau kassiert er denn überhaupt sein Geld? Und wie funktioniert die Kooperation mit der ukrainischen Berufskollegin? Sind die atemberaubend schönen Ukrainerinnen, mit denen Nedo einen anderen Kunden lockt, tatsächlich echt oder nicht eher ein Mittel, um naiven Heiratswilligen das Geld aus der Tasche zu ziehen?

Ja, ein wenig mehr kritische Distanz zu seinem Protagonisten hätte dem Film womöglich tatsächlich gut getan - auch wenn man geneigt ist, aus Sympathie nur das Beste zu vermuten. Auf jeden Fall wären Nedos Dienste, gerade weil sie so altmodisch sind, auch für Schweizer Singles mal eine erfrischende Alternative zu den einschlägigen Onlinedating-Portalen. Persönlicher ist's allemal.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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