Die Frau, die sich traut (2013)

Die Frau, die sich traut (2013)

  1. 98 Minuten

Filmkritik: Bringt die Beate zurück ins Meer

Bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter!
Bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter! © filmcoopi

Beate (Steffi Kühnert) ist 50 Jahre alt und steht mitten im Leben. Ihre Tage sind ausser von ihrer Arbeit in einer Grosswäscherei von ihren eigentlich schon erwachsenen Kindern ausgefüllt, die sie immer noch tatkräftig unterstützt. Die Enkelin benötigt Hilfe bei den Aufgaben, eine Tochter ist mitten im Examen, und der Sohn muss mit seiner Freundin ebenfalls umsorgt werden. Dazwischen muss sie noch als Seelsorgerin für ihre Freundin einspringen, die wegen ihres chaotischen Liebeslebens immer wieder ein offenes Ohr benötigt.

All dies wird jedoch in eine neue Perspektive gerückt, als bei ihr Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert wird. Auf einmal bemerkt die ehemalige Leistungssportlerin, wie sie sich über die letzten Jahre komplett für die Familie hingegeben und ihre eigenen Leidenschaften sowie persönlichen Ziele komplett ignoriert hat. Deshalb beschliesst sie, einen Jugendtraum zu verwirklichen: einmal durch den Ärmelkanal zu schwimmen. Gegen den Widerstand ihrer Familie, aber mit ihrer Freundin begibt sie sich auf den Weg durch das Meer und zu sich selbst.

Routine hilft uns durch so manche schwere Zeit und gibt selbst eintönigen Tagen eine feste Struktur, die einen mit der Zeit auch vergessen lässt, was man einst für Leidenschaften und Träume gehabt hatte. Dies geht so lange, bis man derart in einem festen Muster eingefahren ist, dass nur noch ein sehr extremes Ereignis ausreicht, um diese Ketten zu sprengen. Die Frau, die sich traut porträtiert genau dies und erschüttert die Welt eines festgefahrenen Workaholics mit einer Hiobsbotschaft.

Als Film setzt Regisseur Marc Rensing von Anfang an auf sehr ruhige Töne und Bilder, führt gemächlich in die Welt von Beate ein und wie sich ihr Alltag mit der Familie so abspielt. Untermalt von einem grossartigen Soundtrack und von Steffi Kühnert eindrücklich verkörpert, trifft man auf eine Frau, von der alles erwartet wird und dies auch noch als selbstverständlich angesehen wird. Deshalb ist der Aufschrei natürlich entsprechend gross, wenn genau diese geölte Maschine nicht mehr funktionieren will und die Kinder ungläubig zusehen müssen, wie Beate plötzlich die Unterstützung verweigert, um an ihrem Traum zu arbeiten.

Daraus ist eine sehr gemächliche Charakterstudie entstanden, bei der man beobachten kann, wie die einstige Leistungsschwimmerin ihre alte Passion wieder aufgreift und sich Schritt für Schritt an das Mammutunterfangen herantastet. Stellenweise erinnert dies beinahe an Rocky, bei dem auch ein Underdog alle ihm gestellten Hürden überwinden muss, um schliesslich ein riesiges Ziel zu erreichen. Leider zieht das den Film stellenweise auch in die Länge, und besonders das letzte Viertel besteht beinahe nur noch aus schwimmen, was den Film am Ende doch äusserst zäh und antiklimaktisch auslaufen lässt.

Fazit: Die Frau, die sich traut lebt von der Hauptdarstellerin Steffi Kühnert und wie sie mit vielen Nuancen Beate wieder zum Leben erweckt. Ein guter Handlungsbogen und ein grossartiger Soundtrack ergeben unter dem Strich ein eindrückliches Porträt, das aber gegen Ende immer zäher wird und die Zuschauer auch etwas verliert.

/ db

Trailer Deutsch, 02:06