Finsterworld (2013)

Finsterworld (2013)

  1. 91 Minuten

Filmkritik: Was ist schon normal?

Schnöslige Nerds in Aktion
Schnöslige Nerds in Aktion © Studio / Produzent

Der Fusspfleger Claude (Michael Maertens) besticht einen Polizisten mit Fusscrème, um einer Verkehrsbusse zu entkommen. Der Polizist hüpft nachts aus der Uniform und in ein Plüschbärenkostüm. Seine Freundin Franziska (Sandra Hüller) verzweifelt an ihrer Doku, weil der Protagonist einfach ein stinknormaler Langweiler ist. Lehrer Nickel (Christoph Bach) muss mit seiner Klasse ins KZ. Den Schülern der Privatschule ist nicht nach Kollektivschuld zumute, während das Ehepaar Sandberg in einer Nazi-Karre durch Deutschland fährt. Derweil kümmert sich ein Einsiedler (Johannes Krisch) um einen verletzten Vogel im Wald.

Das normale Leben der noch normaleren Menschen im schönen Deutschland nimmt eine ungewohnte Wendung, als plötzlich Dinge zum Vorschein kommen, von denen die meisten lieber nichts gewusst hätten. Während die eine die unverhoffte Veränderung mit einem Lächeln begrüsst, ist das Fass für den anderen definitiv übergelaufen.

Die kleinen stupiden Gedanken, die man sich tagein tagaus macht, sammeln die Regisseurin Frauke Finsterwalder und ihr Mann - der Schweizer Schriftsteller und Drehbuchautor der Tragikomödie Christian Kracht - im gemeinsamen Finsterworld. Wie der Titel bereits erahnen lässt, hat die Filmemacherin viel von sich selbst in den Film gesteckt. Mit viel Ironie, Witz und schwarzem Humor überschreitet sie die eine oder andere Ekelgrenze und Tabuzone und drängt die Zuschauer so aus ihrer Wohlfühlzone.

Trotz ihrer dunklen Seiten sind die Figuren nicht gross anders als die Menschen im richtigen Leben, und so finden sich dann auch einige Stereotype im Film wieder. Die Leistung der Schauspieler ist nicht weiter erwähnenswert; dann doch eher die Sätze, die Kracht den Figuren in den Mund legt. Doch da liegt gleich eine weitere Schwierigkeit des Filmes: Der mit Ironie gepaarte Surrealismus raubt den Figuren jegliche Tiefe, so dass dem Zuschauer zum Schluss nichts anderes übrig bleibt, als schamlos über sie zu lachen. Was an sich auch nichts Schlechtes ist.

Obwohl Finsterworld filmisch einige Unschönheiten enthält und die Geschichten nicht zum Nachdenken anregen, so zeigt der Film zumindest eines: Deutschland und sein Volk von einer ganz neuen und sehr humorvollen Seite. Das könnte Finsterworld das Goldene Auge des 9. Zurich Film Festival für den besten Film im deutschsprachigen Spielfilmwettbewerb beschert haben.

Fazit: Finsterworld ist ein Mosaik skurriler Geschichten mit lustigen Dialogen. Trotzdem oder gerade deshalb ist der Film nicht ganz stimmig und hinterlässt einen diffusen Eindruck beim Zuschauer. Wer schon lange nicht mehr herzhaft gelacht hat oder sich selber oft absurde oder groteske Gedanken macht, sollte sich den Film aber auf keinen Fall entgehen lassen.

/ stb

Kommentare Total: 2

VesperLynd89

Es ist unglaublich schwierig den Film von Frauke Finsterwalder in ein Genre zu pressen. Ist es ein Drama, ein Episodenfilm, eine schwarze Komödie? So ein bisschen von allem. Während man sich zu Beginn noch fragt, wie die ganzen Figuren miteinander in Verbindung stehen, versteht man nach einiger Zeit die verwandtschaftlichen und bekanntschaftlichen Verhältnisse. Einzig der Einsiedler passt nicht so wirklich ins Bild. Warum er im Wald lebt, wird genauso wenig erläutert, wie die Tatsache, wer denn seine Hütte verwüstet hat. Oder in welchem Zusammenhang er überhaupt mit den restlichen Figuren steht. Das ist etwas schade, weil Finsterworld definitiv ein Ensemblefilm ist, dessen Charaktere nur in ihrer Gesamtheit gut zusammen wirken. Die Figuren selbst sind teilweise ein bisschen zu stereotypisch wie z.B. die reichen Eltern, die ihren Spross jahrelang verwöhnt haben. Das fällt wegen dem fantastischen Drehbuch von Finsterwalder und Christian Kracht aber selten auf. Durch die vielen Episoden, die gut miteinander verknüpft sind, wird es auch niemals langweilig. Davon abgesehen ist dieser Film zu loben, weil er mal KEIN Historienfilm und KEINE Komödie ist, von denen das deutsche Kino üblicherweise überschwemmt wird.

Skuriler Film made in Germany (4.5/6)

stb

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