Cerro Torre: A Snowball's Chance in Hell (2013)

Cerro Torre: A Snowball's Chance in Hell (2013)

Cerro Torre - Nicht den Hauch einer Chance
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  2. 101 Minuten

Filmkritik: Drahtseilakt ohne Drahtseil

Mit Ovi chasch es nöd besser - aber länger.
Mit Ovi chasch es nöd besser - aber länger. © Praesens Film

Der 19-jährige Österreicher David Lama gilt als Superstar der Kletterszene. Er hat im Teeniealter schon Europa und Jugendweltmeistertitel errungen und sucht selbst nach diesen Triumphen immer neue Herausforderungen. Doch Davids Revier sind vor allem die Kletterhallen und weniger die steilen Gebirge der Natur, weshalb er von Alpinisten immer wieder belächelt wird. Dies möchte er jetzt mit einem waghalsigen Projekt ändern: Er will den sagenumwobenen Cerro Torre in Patagonien besteigen - und dies im Freikletterstil.

Hänger-Place
Hänger-Place © Praesens Film

Viele halten diese Misson für schlicht unmöglich, da die sogenannte "Nadel aus Granit" auch mit Hilfsmitteln nur schwer zu bezwingen ist. Trotz aller Warnungen fliegt David im Jahre 2009 zum Berg, nur um wenig später niedergeschlagen in seine Heimat Österreich zurückzukehren. Das Wetter spielte nicht mit, und die Route, die er gewählt hatte, stellte sich dann doch als zu anspruchsvoll heraus. Doch David gibt nicht so einfach auf und wagt ein paar Jahre später einen zweiten Versuch.

Red Bull ist schon länger nicht mehr nur ein Energydrink. Verschiedene Fussballvereine, Extremsportveranstaltungen und auch ein sehr erfolgreicher Formel-1-Rennstall tragen den Namen des östereicherischen Getränkeherstellers. Red Bull ist hip, aufregend und cool, was sich vor allem dank dem Marketing und der Extremsportfilme im Kopf der Leute manifesziert hat. Nun wagt die Firma mit Cerro Torre: A Snowball's Chance in Hell den Schritt zum Dokumentarfilm. Das Werk von Thomas Dirnhofer zeigt nämlich nicht einfach nur reihenweise Stunts, sondern ein einziges waghalsiges Projekt, inklusive Vorgeschichte, Vorbereitungen, Rückschlägen und Erfolgserlebnissen.

Dirnhofer hatte zweifellos viel Material, mit dem er arbeiten konnte. Er schafft es aber nicht, daraus einen stimmigen Dokumentarfilm zu machen. Viel musste während der Dreharbeiten improvisiert werden, da wie bei Lama nicht alles auf Anhieb klappen wollte. Wie der Kletterer gingen wohl auch die Macher ihr Vorhaben zu locker an. Es wirkt, als hätte die Crew einfach mal gefilmt und das dann irgendwie zusammengebastelt. Dies funktioniert bei Stuntclips, bei dem man sich die besten Ausschnitte raussuchen und aneinanderreihen kann, aber nicht bei einem Dokfilm, bei dem eine Dramaturgie vorhanden sein sollte, um den Zuschauer bei Laune zu halten.

So ist der Film dann auch am besten, wenn wir alleine mit dem jungen Österreicher in der Wand sind; wenn wir durch seine Helmkamera sehen, seinen Atem hören und auch mal einen Blick nach unten riskieren können. Die letzte halbe Stunde ist mit der richtigen Leinwand schlichtweg atemberaubend. Andere Dinge, wie die Kameraleute, welche eine andere Route wählen, um dann oben am Ziel zu filmen, dürften wohl die Wenigsten interessieren. Damit besitzen diese Kletterer zwar jetzt Beweismaterial, das sie nicht einfach mit dem Helikopter nach oben geflogen wurden, aber dem Zuschauer bringt dies schlichtweg nichts. Wir wollen Lama bei der Erfüllung seiner "Mission impossible" sehen und nicht Nebenschauplätze.

Fazit: Cerro Torre wirkt so inszeniert, als hätten die Macher erst nach drei Red Bull auf Ex begonnen zu arbeiten. Ständig wird abgeschweift, und auf das Wesentliche wird viel zu wenig fokussiert. Gegen den anderen Kletterdokufilm Jäger des Augenblicks hat so das hippe, aufregende und coole Werk aus dem Hause Red Bull keine Chance.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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