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Annelie (2013)

Annelie (2013)

Oder: The Zero Million Dollar Hotel

Über den Dächern Münchens

Über den Dächern Münchens

Die ehemalige Pension Annelie liegt mitten im Herzen der Grossstadt München. Trotz der guten Lage musste der Laden wegen schwindender Gästezahlen irgendwann dichtmachen, und seither ist das grosse Haus die Bleibe von Obdachlosen und Sozialfällen. Sie alle haben ihre eigenen Sorgen und Nöte. So der Kioskbesitzer Yogi (Christian Thomae), der versucht, auf dem Schwarzmarkt erworbene Konzertkarten für Kiss loszuwerden. Oder auch Stefan (Steffen Besser), der Hausnazi, der sich von nichts und niemandem etwas sagen lässt - auch nicht von seinen Nazikameraden. Und da ist auch noch Junkie Max (Georg Friedrich), der ein Kinokinderstar war, dann jedoch irgendwann auf die schiefe Bahn geriet und seither dort geblieben ist.

Hopp Schwiiz!

Hopp Schwiiz!

Für sie alle und noch viele mehr kommt es wie ein Schock, als das Hygieneamt wegen der unzumutbaren Zustände beschliesst, die Annelie dichtzumachen. Nur noch wenige Wochen, und dann stehen Max und Co. auf der Strasse. Doch in diesen schwierigen Zeiten beschliessen sie, zusammenzuhalten - auch wenn ein Grossteil von ihnen nicht immer geistig anwesend ist.


Film-Rating

Hartz IV gilt zweifelsohne als einer der Begriffe, die das Deutschland der letzten Jahre geprägt haben: eine neue Art von Sozialhilfe, die Regisseur Antej Farac mehr Sozialstrafe nennt. In seinem Film Annelie zeigt der junge Deutsche nun einen Haufen Hartz-IV-Empfänger, die in ihrem eigenen Mikrokosmos leben und auch nicht vorhaben, aus diesen miserablen Zuständen auszubrechen.

Junkies, Alkoholiker, Prostituierte - es sind keine schönen Schicksale, die hier zu sehen sind. Wer einen schönen Kinoabend mit dem oder der Liebsten im Arm verbringen möchte, ist hier definitiv falsch. Farac zeigt ungeschminkt, roh und direkt die traurige Welt dieser Leute, stellt sie dabei aber als liebenswürdige Charaktere dar, von denen jeder seine eigenen Macken hat. Neben dem professionellen Schauspieler Georg Friedrich spielen auch viele ehemalige Annelie-Bewohner (das Gebäude wurde inzwischen abgerissen) in dem Film mit, und diese Authentizität hilft ihm ungemein. Auf der Storyebene passiert in der ersten Hälfte nämlich nicht viel, und wer sich nicht mit den Figuren anfreunden kann, erlebt lange Minuten. Für jene, die es können, ist es eine besondere Art von Vergnügen, den Protagonisten zuzuschauen.

In der zweiten Hälfte fokussiert dann fast alles nur noch auf den von Friedrich gespielten Junkie. Brachten zuvor die vielen Figuren so etwas wie Farbe ins Spiel, ist dann vieles nur noch grau und trist. Friedrich meistert seinen Part aber trotzdem glaubwürdig, und wenn man ihn nicht aus Filmen wie Atmen kennen würde, könnte man glauben, dass er in der Annelie gar nicht so falsch ist. Den Schwachpunkt stellt dann aber das dritte und letzte Kapital dar, das so etwas wie ein Hoffnungsschimmer sein soll. Doch es passt nicht wirklich zum Rest des Filmes, der es zuvor verstanden hat, das Ganze sehr lebensnah und realitätsgetreu zu zeigen.

Fazit: Annelie ist angenehm anders und für Kinogänger, die glauben, schon alles gesehen zu haben. Faracs Film ist mutiges Kino und nichts für die Masse, weshalb der Streifen von den Produzenten selbst und nicht von einem Verleiher in die Kinos gebracht wird. Diese Art der Veröffentlichung steht dem Film jedoch äusserst gut. Wie die Existenz seiner Protagonisten wird auch seine eigene Existenz von der Masse lieber totgeschwiegen. Trotzdem ist Regisseur Farac ein Erfolg zu gönnen. Annelie ist zwar kein schöner Film, aber genau darin liegt auch seine Schönheit. Klingt komisch, ist aber so.


OutNow.CH:

Bewertung: 4.0

 

01.06.2013 / crs

Community:

Bewertung: 4.3 (5 Bewertungen)

 

 

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