The World Before Her (2012)

The World Before Her (2012)

  1. 90 Minuten

Filmkritik: Miss India vs. Fundamentalismus

Die etwas andere Chorus Line...
Die etwas andere Chorus Line... © Studio / Produzent

Mumbai, 2011: 20 junge Frauen treffen sich in einem Hotel, um sich auf den Schönheitswettbewerb um den Titel der Miss India vorzubereiten. Für alle gibt es nur ein Ziel: Sie wollen die Krone gewinnen, um den strikt vorgegebenen Lebensentwürfen ihrer Familien und den konservativen Gesellschaftszwängen zu entgehen. Die Mädchen kommen aus allen Teilen des Landes, aus ländlichen wie auch urbanen Gegenden, um den einen grossen Traum zu verfolgen: berühmt zu werden, dem Leben Bedeutung zu geben. Und vor allem ein selbstbestimmtes Leben als moderne indische Frau zu führen. Ruhi Singh kommt aus ländlicher Gegend und hat glücklicherweise Eltern, die sie unterstützen. Die Kamera folgt ihr und den anderen Kandidatinnen während den Vorbereitungen des Missen-Wahnsinns bis zum grossen Wahl-Showdown.

In einem anderen Teil des Landes lehrt Prachi Trivedi junge Mädchen das Fürchten: Sie bildet die Teilnehmerinnen in einem fundamentalistisch-hinduistischen Camp aus. Diese sollen sich der Durga Vahini, auch bekannt als "Hindu-Taliban", anschliessen und für ihren Glauben und gegen die Verwestlichung Indiens kämpfen. Um dieses Ziel zu erreichen, lernen die Mädchen unter ihrer Aufsicht Kampfsportarten, den Umgang mit Waffen - und andere Glaubensrichtungen wie das Christentum und den Islam zu hassen. Wenn es die Situation erfordert, würde Prachi ohne zu zögern töten, um Indien vor den Ungläubigen zu schützen. Auch ihren Erlebnissen folgt die Kamera.

Nisha Pahuja, geboren in Indien und aufgewachsen in Kanada, hat ihr ganzes Verhandlungsgeschick einsetzen müssen, um diesen Film zu drehen: Bis das Dugha Vaini Camp den Dreh erlaubte, dauerte es ganze zwei Jahre. Sogar beim Miss-India-Wettbewerb musste sie nachverhandeln, da der Veranstalter plötzlich nervös wurde.

Die Mühe hat sich gelohnt: The World Before Her ist eine atemberaubender Dokumentation geworden. Das ist auch dem brillanten Editing zu verdanken: Sämtliche Statements sind perfekt ausgewählt und platziert, der Aufbau der beiden Storys ist gut nachvollziehbar und lässt das Publikum mitfiebern und -fühlen. Deshalb verwundert es kaum, dass Pahuja am Tribeca Film Festival in New York und am Hot Docs in Toronto Auszeichnungen als bester Dokumentarfilm erhalten hat.

Ein Schönheitswettbewerb und ein Mädchencamp der Hindu-Taliban - zwei Welten, die nur im ersten Moment komplett unvereinbar erscheinen. Schnell wird klar, dass hinter beidem der Wunsch nach Befreiung und Bedeutung steht - denn auch im heutigen Indien ist der Stand der Frauen alles andere als einfach. Die Parallelen verdeutlichen sich besonders, wenn sich beide Protagonistinnen die Schattenseiten eingestehen.

So erkennen beide, dass sie ihre Träume durch ein System verwirklichen wollen, welches im Grunde gegen sie arbeitet. Prachi vermittelt im Dugha Vaini Camp traditionelle Werte und wird gleichzeitig von ihrem konservativen Vater unter Druck gesetzt, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Ruhi gibt zu, dass ihr die Bikinirunde, die im Übrigen wegen der heftigen Proteste unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, alles andere als leicht fällt. Gebotoxt werden die kaum zwanzigjährigen Mädchen, ohne gefragt zu werden, und die Haut gebleicht zu kriegen gehört zum Standardprogramm. Ruhi sieht es als Preis, den sie zu zahlen hat für den Eintritt ins 21. Jahrhundert.

Nisha Pahuja schafft es vorzüglich, weder die Miss-Wahl-Kandidatinnen noch Prachi schlecht dastehen zu lassen. Sie nähert sich den Mädchen und deren Familien mit Herzlichkeit und Interesse und zeigt sie, wie sie sind - und genau diese Ehrlichkeit macht diesen Film sehenswert.

/ mim