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Eine wen iig, dr Dällebach Kari (2012)

Eine wen iig, dr Dällebach Kari (2012)

Oder: I schänk dir mis Härz, meh hani ned...

"Für mich bitte ein kleines Würstchen, kicherkicher"

"Für mich bitte ein kleines Würstchen, kicherkicher"

Bern in den Dreissigerjahren: Mit seiner Hasenscharte und seinen schiefen Zähnen ist Dällenbach Kari (Hanspeter Müller) eine stadtbekannte Persönlichkeit. Sein unvorteilhaftes Aussehen macht der joviale Coiffeurmeister mit Gewitztheit und Schlagfertigkeit wieder wett, was ihn unter Freunden zu einem allseits gmögigen Zeitgenossen macht. Doch in seinem Innern ist Kari ein gebrochener Mann - denn vor rund 30 Jahren erlebte er eine bitterliche Enttäuschung.

Le gamin au vélo

Le gamin au vélo

Damals, als junger Mann (Nils Althaus), lernte Kari nämlich auf einem Fest die hübsche Annemarie Geiser (Carla Juri) kennen und verliebte sich sogleich in die bezaubernde junge Frau. Karis Liebe stiess prompt auf Gegenliebe: Allen äusserlichen Defiziten Karis zum Trotz erwiderte Annemarie seine Gefühle. Doch ihr Vater, ein wohlhabender Schneider, billigte die Beziehung zwischen seiner Tochter und dem einfachen Coiffeurgesellen nicht und verbat die Heirat. Eine tragische Liebesgeschichte nahm so ihren Lauf...


Film-Rating

Nach einer ersten Verfilmung, einem Chanson, einem Theaterstück, einer Ausstellung und einem Musical erhält der wohl berühmteste Schweizer Coiffeurmeister nun also eine Neuverfilmung - und dies immerhin von einem Oscarpreisträger: Xavier Koller hat sich daran gemacht, die tragische Aussenseiter-Geschichte von Dällebach Kari - eigentlich Karl Tellenbach - auf die Leinwand zu bringen. Die Geschichte beruht dabei nicht auf dem legendären und populären 1970er-Film von Kurt Früh mit Walo Lüönd in der Titelrolle, sondern auf dem Theaterstück von Livia Anne Richard.

Kollers Version dürfte durchaus ihre Zuschauer anlocken, ist sie doch sowohl in der Inszenierung als auch der inhaltlichen Gewichtung ganz auf das breite Publikum zugeschnitten. Sie beweist zudem, dass ein Schweizer Film heutzutage nicht mehr handgestrickt oder holprig inszeniert daherkommen muss. Man ist beeindruckt ob der aufwändig und sorgfältig gestalteten Kostüme und Kulissen, die es schaffen, das Bern der Dreissigerjahre wieder aufleben lassen. Auch der dezent eingesetzte melancholische Klavier-Soundtrack passt wunderbar. So eine technisch saubere und stimmige Inszenierung hat in der Schweiz bislang höchstens Michael Steiner hingekriegt.

Auch inhaltlich bewegt sich Kollers Film auf publikumswirksamer Schiene. So macht er aus der Dällenbach-Story eine tragische Liebesgeschichte im Romeo-und-Julia-Stil, während andere Aspekte aus Dällenbachs Leben - wie beispielsweise seine Alkoholprobleme oder seine Krebserkrankung - nur am Rande zur Sprache kommen. Ein schielender Blick auf die Einspielergebnisse kann dem Film sicher vorgeworfen werden, doch zumindest ist die Lovestory gekonnt in Szene gesetzt.

Dies ist nicht zuletzt den Darstellern zu verdanken. Der sorgfältig auf hässlich getrimmte Nils Althaus mag in der einen oder anderen Szene etwas affektiert wirken, dennoch nimmt man ihm seinen Charakter voll ab. Gleiches gilt für Carla Juri, die ihre Annemarie Geiser derart charmant und zärtlich gibt, dass sie wohl nicht nur Kari, sondern auch einigen weiteren männlichen Kinozuschauern den Kopf verdrehen dürfte. Auf jeden Fall stimmt die Chemie zwischen den beiden jungen Hauptdarstellern. Hanspeter Müller kommt als alter Kari da ein bisschen zu kurz. Dennoch gibt es auch an seiner Darstellung nichts auszusetzen.

Zu kritisieren wären dagegen einige hollywoodige Szenen gegen Ende, die des Guten dann doch zu viel sind. Dennoch: Auch wenn er offensichtlich auf massentauglich getrimmt ist - der Film geht ans Herz. Würden statt Althaus und Juri Ryan Gosling und Scarlett Johannson die Hauptrollen spielen, Eine wen iig, dr Dällebach Kari wäre ein heisser Oscarkandidat, denn Hollywood liebt solche Underdog-Storys. So hingegen muss sich Koller wohl mit seinem bereits gewonnenen Oscar und vielleicht dem einen oder anderen Schweizer Filmpreis begnügen.


OutNow.CH:

Bewertung: 4.5

 

03.02.2012 / ebe

Community:

Bewertung: 4.7 (22 Bewertungen)

 

 

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