Was bleibt (2012)

Was bleibt (2012)

  1. 85 Minuten

Filmkritik: Auf und davon

Das Wochenende steht vor der Tür. Marco (Lars Eidinger) fährt mit seinem kleinen Sohn nach Hause zu den Eltern nach Süddeutschland. Seine Freundin bleibt in Berlin zurück, die beiden leben seit einem halben Jahr getrennt. Marcos Eltern leben in einer modern eingerichteten Villa. Der Vater (Ernst Stötzner) ist Verleger, steht vor dem Ruhestand und plant eine Studienreise nach Jordanien. Gitte (Corinna Harfouch), die Mutter, leidet seit über 30 Jahren an Depressionen und nimmt Medikamente ein. Jakob (Sebastian Zimmler), Marcos Bruder, lebt ebenfalls in der Stadt und ist Zahnarzt. Seine Praxis konnte er sich mithilfe des Geldes vom Vater einrichten. Doch die Praxis läuft schlecht, die Patienten bleiben aus.

Eigentlich soll es ein entspanntes Wochenende werden. Doch dann teilt Gitte der Familie mit, dass sie ihre Medikamente abgesetzt hat. Das bringt alles durcheinander. Der Vater sieht seine Reise gefährdet, die Söhne machen sich Sorgen, dass Gitte sich übernimmt. Dann verschwindet sie plötzlich spurlos. Auch eine breitangelegte Suche durch die Polizei führt zu keinem Erfolg. Langsam beginnt sich die Familie auf ein Leben ohne sie einzustellen.

Nach Requiem erzählt Regisseur Hans-Christian Schmid mit Was bleibt eine Familiengeschichte, die auf dem gleichnamigen Buch von Bernd Lange basiert. Im Zentrum des Films steht eine Mutter, eine kranke Frau, die mit einer für sich gefundenen Entscheidung das gesamte Familienkonstrukt zum Einsturz bringt. Die nach aussen hin erfolgreichen Söhne, der gelungene Verkauf des Verlages, all das rückt durch ihre Entscheidung in den Hintergrund. Alles dreht sich plötzlich nur noch darum, dem möglichen psychischen Kollaps der Mutter entgegenzuwirken, auf den wir als Zuschauer bis zum Ende warten. Durch sie wird der scheinbare Familienfrieden jäh zerstört, brechen angestaute Frustrationen aus den sie umgebenden Personen aus, werden Pläne in Frage gestellt. Dabei ist es ausgerechnet sie selbst, die dabei Ruhe bewahrt und wie ein Fels in der Brandung das Geschehen miterlebt. Von allen Beteiligten ist es plötzlich die Mutter, die am normalsten erscheint.

Schmid zeigt eine klassische gutbürgerliche Familie, die schon fast klischeehaft in der weissen Villa mit Garten lebt. Erst ganz zum Schluss lässt der Film kleine Einblicke in die verschiedenen Persönlichkeiten zu. Alles bleibt oberflächlich und in den Handlungen vorhersehbar. Die einzige Spannung zieht der Film aus der Figur der Mutter. Ständig erwartet man als Zuschauer einen Ausbruch, Vorwürfe oder zumindest irgendwelche Emotionen. Doch kaum etwas passiert, bis sie einfach verschwindet. Diesen Verlust scheint die Familie überraschenderweise seltsam schnell zu verarbeiten. Recht schnell findet man sich in einem Leben ohne die Vermisste zurecht. Haben sich alle vielleicht schon lange gewünscht, dass die Mutter endlich verschwindet, um unbekümmerter leben zu können?

Was bleibt ist das Porträt einer kaputten Familie, wie es sie wohl zahlreich um uns herum geben wird. Leider bleiben Geschichte und Figuren seltsam seelenlos, keine der Figuren kann einen wirklich berühren. Als Fernsehfilm taugt Schmids Familienstudie allemal, für die grosse Leinwand ist er ein Stück zu klein geraten. Am Ende bleibt das Gefühl der Leere zurück, eine Leere, die man gern gefüllt bekommen hätte.

/ jst

Kommentare Total: 2

Granunaile

Zitat jst (2012-02-15 10:00:00)

... Die einzige Spannung zieht der Film aus der Figur der Mutter. Ständig erwartet man als Zuschauer einen Ausbruch, Vorwürfe oder zumindest irgendwelche Emotionen. Doch kaum etwas passiert, bis sie einfach verschwindet. Diesen Verlust scheint die Familie überraschenderweise seltsam schnell zu verarbeiten. Recht schnell findet man sich in einem Leben ohne die Vermisste zurecht. Haben sich alle vielleicht schon lange gewünscht, dass die Mutter endlich verschwindet, um unbekümmerter leben zu können?

Ich verstehe diesen Teil der Kritik nicht. Die Mutter verschwindet erst gegen Ende des Films. In der Zeit vorher geschieht einiges, wenn auch vielleicht nicht viel Spektakuläres. Die Feststellung, die Familie finde sich recht schnell in einem Leben ohne die Vermisste und habe sich vielleicht sogar deren Verschwinden gewünscht, ist eine unbegründete Unterstellung, da die Zeit nach Einstellung der Suchbemühungen nur einen kurzen Teil des Films ausmacht, also gar nicht vertieft wird.
Ich möchte "jst" nicht zu nahe treten, doch bin ich nicht sicher, ob sie / er den Film wirklich aufmerksam angeschaut hat. Mir scheint beispielsweise auch, dass "jst" die Unterschiede im Verhalten der beiden Brüder (Söhne) nicht erkannt hat. Jedenfalls habe ich den Film wesentlich anders erlebt, als dies der Kritik von "jst" zugrunde liegt.

jst

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Teaser Deutsch, 01:00