Ursula - Leben in Anderswo (2012)

Ursula - Leben in Anderswo (2012)

Oder: Ein wertes Leben

Trotz ihrer 60 Jahre mutet Ursula immer noch wie ein verträumtes, in sich gekehrtes Kind an. Ursula ist taub und blind, kann nicht sprechen, ist geistig zurückgeblieben und lebt in einer Welt, zu der niemand vollends Zutritt hat. Als Baby von ihrer leiblichen Mutter verstossen, wurde Ursula nach der Entdeckung ihrer schweren Behinderung von Heim zu Heim abgeschoben. In medizinischen und psychiatrischen Gutachten beschrieb man sie als "schwachsinnig" und "an Idiotie leidend", und attestierte ihr keine hohe Lebenserwartung.

Doch Ursula hatte in ihrem Leben mehr Glück als viele Behinderte, die noch in den Fünfzigerjahren in Heimen dahinvegetierten. Die junge Zürcher Heilpädagogin Anita Utzinger wurde auf Ursula aufmerksam und nahm sich ihr an - und dies nicht in beruflicher Manier, sondern als neue Mutter, die von ihrem Vater dabei tatkräftig unterstützt wurde. Mit einer unendlichen Geduld brachte Utzinger Ursula alltägliche Dinge bei und widerlegte so die lange Zeit geltende These, schwer geistig behinderte Menschen seien nicht lernfähig.


Film-Rating

Ursula oder das unwerte Leben warf in den Sechzigerjahren hohe Wellen. Der Dokumentarfilm von Reni Mertens und Walter Marti zeigte auf, welche Missstände in der Betreuung von Menschen mit schwerer geistiger Behinderung herrschten. Rolf Lyssy (genau, der Schweizermacher), arbeitete damals als Kameramann und Cutter mit. Nachdem Anita Utzinger 2009 wegen einer DVD des Films mit ihm Kontakt aufnahm, interviewte er sie und verwendete ihre Aussagen als roten Faden in einem neuen Projekt. Angereichert ist es mit Einschüben aus dem ersten Film sowie neu gedrehtem Material, das vornehmlich den Alltag von Ursula dokumentiert.

Neben Ursula als Hauptfigur ist es durch die gewählte Erzählstruktur vor allem Utzinger selbst, die im Fokus steht. Mit klaren Ausführungen bietet sie einen kleinen Einblick in die Welt ihrer "Ursle", die sie selbst nie richtig betreten konnte. Und sie gewährt gleichzeitig einen eindrücklichen in ihre eigene Geschichte, in der es für sie eine Selbstverständlichkeit war, sich eines Kindes wie Ursula anzunehmen und damit auf ein "normales" Leben zu verzichten.

Utzingers Biografie belässt Lyssy bewusst bruchstückhaft, um nicht den Schwerpunkt des Films von Ursula zu nehmen. Mitunter wird die Konzentration auch gleich von beiden Personen weggenommen: Durch die eingestreuselte Porträtierung von Ursulas Heim in Langnau findet sich der Zuschauer immer wieder auf einer Metaebene wieder. Und dort tauchen viele Fragen auf: Wie hat der Fall Ursula durch seine Prominenz die Schweizer Medizin beeinflusst? Wie vollzog sich der Wandel? Wie sieht die Betreuung von geistig behinderten Kindern heute aus?

Es sind Fragen, die Lyssy erst gar nicht aufgreift. Zwar wüsste man wirklich gerne mehr, doch damit wäre der Rahmen dieser Doku gesprengt worden, weil die Tochter/Mutter-Beziehung und deren Umgebung ohnehin schon erstaunlich viel Substanz besitzt. Eine Informationsflut hätte zweifellos die Sicht auf das Herz des Films verstellt, nämlich auf die immer wieder durchdringende, innige Liebe von Utzinger zu Ursula. Bemerkt man diese, so sieht man nach 86 Minuten in Ursula weit mehr als bloss eine kleine, in sich versunkene Frau.


OutNow.CH:

Bewertung: 4.5

 

11.01.2012 / uas

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Bewertung: 5.2 (3 Bewertungen)

 

 

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