Paradies: Glaube (2012)

Paradies: Glaube (2012)

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  2. 115 Minuten

Filmkritik: Vater unser im Himmel, Amen.

Spannendes Fernsehprogramm
Spannendes Fernsehprogramm © Praesens Film

Maria (Maria Hofstätter), eine alleinstehende Frau in den Fünfzigern, arbeitet als Röntgen-Assistentin in einem Spital. Ihre grosse Liebe heisst Jesus: Sie verbringt jede freie Minute damit, zu beten, sich selbst zu kasteien, fromme Lieder zu singen und in der Nachbarschaft zu missionieren, um diese auf den rechten Weg zu bringen. So widmet sie ihren Sommerurlaub denn auch ihrem Glauben, anstatt zu verreisen.

Wohnzimmer-Blues
Wohnzimmer-Blues © Praesens Film

Als sie eines Abends von ihrer Missionierungstour nach Hause zurückkehrt, findet sie dort ihren Ehemann vor: den Muslim Nabil (Nabil Saleh), der nach einem Unfall querschnittsgelähmt und an den Rollstuhl gefesselt ist. Vor zwei Jahren verschwand er aus ihrem Leben, wonach sie den Weg zu ihrem Glauben wiedergefunden hat. Maria ist überzeugt, dass Nabils unverhofftes Wiederauftauchen eine Prüfung ist, die ihr von Jesus auferlegt wird, weshalb sie sich ihrem Schicksal ergibt und Nabil umsorgt. Allerdings bleibt sie dabei stets kühl und distanziert. Als Nabil immer stärker beginnt, auf seine Rolle als Ehemann zu pochen und auch körperliche Zuneigung verlangt, ist für sie die Grenze des Erträglichen erreicht. Sie sieht ihren Glauben auf eine schwere Probe gestellt.

Nachdem im ersten Teil von Ulrich Seidls Paradies-Trilogie eine Frau bei kenianischen Beachboys die Liebe gesucht hat, geht es im zweiten Teil nun um deren Schwester, die ihre - vermeintliche - Liebe gefunden hat: im Glauben. Dass aber auch dieser nicht der Schlüssel zum Glück ist, versteht sich sozusagen von selbst, denn schliesslich ist dies ein Seidl-Film, und da haben die Protagonisten meist nicht sehr viel zu lachen.

Wohl aber die Zuschauer. Zumindest zwischendurch blitzen immer wieder Momente bösartig-absurden Humors durch, namentlich bei den Nachbarschaftsbesuchen, bei denen die Protagonistin Maria anderen Menschen die Muttergottes näherbringen will; einem verwirrten Messie beispielsweise, der sich, anstatt zu beten, in abstrusen Betrachtungen zur weiblichen Physiognomie verliert. Auch die Gruppengebete entbehren nicht einer gewissen Komik: Wenn sich der fromme Kreis als "Sturmtruppe der Liebe" bezeichnet und schwört, Österreich wieder katholisch zu machen, ist es schwierig, ob dieser Verbissenheit nicht zu schmunzeln.

Doch insgesamt schlägt der Film auf die Stimmung. Wie die Protagonistin von Liebe ist auch diejenige von Glaube im Grunde zutiefst einsam, und das Auftauchen ihres Ex-Mannes bringt ihr sorgsam zurechtgestutztes Weltbild gehörig ins Wanken. Die eigentliche Rahmenhandlung ist allerdings weniger fesselnd, als es diejenige im ersten Teil war. Zu unzugänglich sind beide Charaktere. Positiv ist immerhin, dass Nabil keineswegs als der "nette Muslim" dargestellt wird, der bloss ein bisschen Zuwendung sucht und von der verbohrten Christin zurückgewiesen wird. Nein, er ist ein dermassen unsympathischer, herrischer Charakter, sodass man zwischendurch gar ein wenig mit der Protagonistin mitzufühlen vermag - und dies, obwohl auch ihre Ansichten wohl den meisten Zuschauern fremd bleiben.

Wenn in einer Szene ein Kruzifix zur Selbstbefriedigung zweckentfremdet wird, dürften sich zudem Skandal-Fans die Hände reiben, obwohl sie allzu bemüht provokativ wirkt - genauso wie die ziemlich unnötige Gruppensex-Szene; aber offenbar geht's bei einem Seidl-Film einfach nicht ohne eine solche.

Ansonsten lässt sich über Paradies: Glaube vieles wiederholen, was bereits über Paradies: Liebe gesagt worden ist - der Film trägt unverkennbar Seidls Handschrift und wirft einen schonungslosen Blick in die Abgründe menschlicher Sehnsüchte. Allerdings fällt dieser zweite Teil im Vergleich zum ersten insgesamt etwas ab. Das liegt einerseits an den schwer zugänglichen Charakteren, andererseits wohl auch daran, dass dieser Film zu grossen Teilen innerhalb von Marias Wohnung oder einer Wohnung in der Nachbarschaft spielt. Damit droht der Film zwischendurch allzu sehr in die Monotonie zu kippen. Da waren die schönen Strände Kenias bei aller Depro-Handlung halt doch irgendwie anmächeliger. Die Diätfarm im letzten Teil der Trilogie, Paradies: Hoffnung, verspricht dann auch wieder mehr Abwechslung.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Trailer Deutsch, 02:02