Weiter zu OutNow.CH »
X

The Master (2012)

The Master (2012)

Oder: Punch-Drunk Therapy

Ohne Gas kein Spass.

Ohne Gas kein Spass.

1950: Freddie Quell (Joaquin Phoenix) führt ein unstetes Leben als Matrose und Kaufhausfotograf, ist dem Alkohol gleichermassen zugetan wie dem weiblichen Geschlecht und neigt zu Gewaltausbrüchen. Eines Tages nach einer Schlägerei kommt er in einer Schiffskoje wieder zu sich. Das Schiff gehört Lancaster Dodd (Philip Seymour Hoffman), einem Weltkriegsveteran und Intellektuellen, der sich unter anderem als Wissenschaftler, Autor und Psychologe betätigt. Zusammen mit seiner Frau Mary Sue (Amy Adams) hat er eine Gruppe von Anhängern um sich geschart. Diese nennt sich "The Cause" und hat das Ziel, mit Gesprächstherapien Traumata aus der Vergangenheit aufzuarbeiten und ein glücklicheres, erfüllteres Leben zu erreichen.

"Da kommt nun gleich ein Vögelchen raus!"

"Da kommt nun gleich ein Vögelchen raus!"

Dodd mag den rastlosen Herumtreiber und macht ihn zu seinem persönlichen Protegé. Gleichzeitig dient ihm Freddie auch als Versuchskaninchen für seine neue Therapieform. Freddie fasst zunehmend Vertrauen in Dodd und sieht in diesem eine Art Vaterfigur. Doch während Dodds Organisation laufend an Popularität gewinnt, kommen Freddie erste Zweifel: Was, wenn die Kritiker von "The Cause" recht haben und Dodd nichts als ein charismatischer Scharlatan ist?


Film-Rating

Wer wissen möchte, was Charisma bedeutet, sollte sich The Master ansehen. Denn die Präsenz, mit der die beiden Hauptdarsteller diesen Film tragen und die Zuschauer einnehmen, ist nichts weniger als phänomenal: auf der einen Seite - in seiner ersten Rolle nach seinem Hip-Hop-Hoax - Joaquin Phoenix, von dessen rastlosem Freddie Quell mit gebücktem Gang und verkniffenem Gesicht eine stetige Unruhe ausgeht; auf der anderen Seite Philip Seymour Hoffman als Grandseigneur und Lebemann, dem man gebannt an den Lippen hängt.

Der Film hat freilich noch einen dritten Hauptdarsteller: die Musik. Wie bereits in There Will Be Blood arbeitet Regisseur Paul Thomas Anderson wieder mit dem Radiohead-Gitarristen Jonny Greenwood zusammen, dem erneut ein brillanter Score gelungen ist. Es ist jedoch nicht nur die Musik an sich, sondern auch die Art, wie diese eingesetzt wird, die The Master aussergewöhnlich macht: Manchmal wuchtig dominant, manchmal unruhig wummernd im Hintergrund, manchmal völlig absent, schlängelt sie sich durch den Film und hilft diesem auch über einige zähe Stellen hinweg, die während der 137 Minuten Spielzeit leider nicht ganz ausbleiben.

Insbesondere die Therapieszenen zwischen Hoffman und Phoenix sind etwas arg in die Länge gezogen und erfordern einiges an Geduld. Überhaupt ist der Film kein einfacher Genuss. Grund dafür mögen die Protagonisten sein - neben Hoffman und Phoenix soll auch Amy Adams nicht unerwähnt bleiben -, denn sie taugen nur beschränkt als Sympathieträger. Ein Grund ist aber auch die distanzierte Art der Inszenierung, die sich gegen jegliche Emotionalität sträubt und stattdessen sehr kunstvoll, aber auch ein Stückweit aufgesetzt die Geschichte erzählt. Und auch diese steckt voller Fragen und Widersprüche und trägt dazu bei, dass der Film eher auf der intellektuellen als auf der emotionalen Ebene wirkt.

Viel wurde im Vorfeld gemutmasst, ob es sich bei The Master um einen Scientology-Film handle. Einerseits ist dies durchaus der Fall, denn die Parallelen zwschen der Entstehung von "The Cause" und Scientology, beziehungsweise zwischen den Biographien von Lancaster Dodd und Scientology-Gründer L. Ron Hubbard sind zu offensichtlich, um sie zu ignorieren. Handkehrum fokussiert der Film hauptsächlich auf die Beziehung zwischen Dodd und Freddie, während die Geschichte rund um die erstarkende Bewegung höchstens einen Nebenplot darstellt. So oder so gibt der Streifen aber mit der Person Dodds ein überzeugendes Bild eines begnadeten Demagogen.

Mit The Master, gedreht im heute nur noch sehr selten verwendeten 70mm-Format, ist dem Wenigfilmer Paul Thomas Anderson ein schwierig einzuordnendes, forderndes und eindrückliches Nachfolgewerk zu There Will Be Blood gelungen, das allerdings auch immer eine gewisse Distanz beibehält. Ein Film, den es schwierig ist zu lieben, der in seiner Machart aber dennoch herausragend ist.


OutNow.CH:

Bewertung: 4.5

 

01.09.2012 / ebe

Community:

Bewertung: 3.8 (36 Bewertungen)

 

 

» Deine Wertung?

Kommentare:

7 Kommentare