Argerich (2012)

Argerich (2012)

  1. ,
  2. 94 Minuten

Filmkritik: Die Füsse meiner Mutter

Wenn schon keine rosa Brille, dann wenigstens ein rosa Sofa...
Wenn schon keine rosa Brille, dann wenigstens ein rosa Sofa...

"Ich bin die Tochter einer Göttin", sagt Stéphanie Argerich über sich selbst. Die Göttin, das ist die Argentinierin Martha Argerich, eine der bekanntesten Pianistinnen der Welt, die bereits in jungen Jahren die Konzertsäle rund um den Globus füllte. Und auch Stéphanies Vater Stephen Kovacevich ist eine grosse Figur in der klassischen Musikszene. Die beiden leben getrennt, seit Stéphanie zwei Jahre alt ist, und haben weitere Kinder aus anderen Beziehungen. Dies beschert der jungen Frau, die eben selbst Mutter geworden ist, zahlreiche Halbgeschwister an verschiedenen Orten der Welt.

Klavierstunde bei der Meisterin
Klavierstunde bei der Meisterin

Nun versucht Stéphanie Argerich, mit der Kamera den Mensch hinter dem Genie zu erkunden: ihre Mutter, von der sie sagt, dass sie sie jeweils verlor, sobald sie am Klavier sass. Daraus ist ein Porträt einer Frau entstanden, die den Spagat zwischen künstlerischer Perfektion und glücklichem Privatleben zu meistern versucht - und gleichzeitig ein Bild einer "etwas anderen Familie".

Wenn eine Tochter einen Dokumentarfilm über ihre Mutter dreht, ist fast zwangsläufig ein sehr persönlicher Film zu erwarten. Dies ist bei Argerich nicht anders. Die Regisseurin Stéphanie Argerich erzählt nicht nur Episoden aus ihrer Kindheit, sondern zeigt sich auch von einer sehr verletzlichen Seite, beispielsweise dann, wenn sie vor der Kamera in Tränen ausbricht.

Und dennoch bleibt die Hauptperson Martha Argerich, ihre Mutter, nur schwer greifbar. Am Anfang des Filmes erklärt die Regisseurin, dass sie in Vergangenheit oft den Eindruck gehabt habe, dass sie diejenige sei, die auf ihre Mutter aufpassen müsse anstatt umgekehrt. Weshalb das allerdings so ist, bleibt auch nach 90 Minuten Film höchstens zu erahnen. Dabei stehen zahlreiche Aufnahmen aus verschiedenen Zeiten zur Verfügung: Stéphanie Argerich hat nämlich nicht nur in jüngster Vergangenheit, sondern auch vor rund zehn Jahren ihre Familie gefilmt. Ergänzt werden ihre eigenen Aufnahmen durch alte Archivbilder der jungen Martha Argerich, die ihrer erwachsenen Tochter übrigens wie aus dem Gesicht geschnitten scheint. Natürlich dürfen auch Konzertaufnahmen nicht fehlen, die für Freunde der klassischen Klaviermusik sicherlich wunderbar anzuschauen sind. Und dennoch: Für die Regisseurin mag der Film ein persönlich sehr wichtiges Projekt sein, für Aussenstehende bleibt der Informationswert eher gering.

Da geben die Szenen mit Stéphanies Vater Stephen Kovacevich fast mehr her, obwohl sie deutlich in der Unterzahl sind. Gerade die schwierige Beziehung mit dem Vater, den sie in ihrer Kindheit und Jugend nicht gehabt hat und dem sie sich jetzt wieder anzunähern versucht, ist ein interessanter Aspekt. Vielleicht ist es kein Zufall, dass der internationale Titel des Filmes Bloody Daughter lautet. Er bezeichnet den Spitznamen, mit dem Stéphanie von ihrem Vater bedacht wurde und rückt den Film ein wenig weg von dem erwarteten Mutter-Porträt, das der Titel Argerich erwarten lässt.

Und dennoch ist es die Mutter, die im Zentrum steht: eine Frau, die ihrerseits von ihrer Mutter seit frühester Kindheit zum künstlerischen Erfolg gedrillt wurde und deren Leben geprägt ist von der Hingabe an die Musik und dem Versuch, daneben ein Familienleben zu führen. Und dies durchaus mit Erfolg: Alles in allem scheint die aufgesplitterte Familie der Regisseurin doch ganz ordentlich zu funktionieren. Wenn man zynisch wäre, könnte man sagen: zu ordentlich, denn für den Filmzuschauer wären dramatischere Schicksale wohl spannender gewesen. Natürlich soll dies dem Film nicht angekreidet werden. Dennoch bietet er zu wenig für all diejenigen, die sich aufschlussreiche Einblicke in das Leben hinter den Klaviertasten erhofft hätten.

/ ebe

Trailer Französisch, mit deutschen Untertitel, 01:37