Lore (2012)

Lore (2012)

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  3. 109 Minuten

Filmkritik: Das Wandern ist des Müllers Lust

Resident Evil: World War Two
Resident Evil: World War Two © Look Now!

Deutschland, 1945: Hannelore (Saskia Rosendahl) ist eine junge Frau, die von ihren Eltern (Hans Jochen Wagner, Ursina Lardi) in fester Überzeugung vom nationalsozialistischen Gedankengut erzogen wurde. Als der Krieg zu Ende und Hitler tot ist, werden ihre Eltern verhaftet und Lore bleibt allein zusammen mit ihren vier jüngeren Geschwistern zurück. Aus Verzweiflung erzählt sie diesen, die Eltern seien lediglich zum Oma gegangen, um sich dort zu verstecken, und würden nun dort auf sie warten.

Versteckspielen
Versteckspielen © Look Now!

Die Kinder machen sich auf zu einer langen Reise von Bayern nach Hamburg, wo die Oma wohnt. Da sämtliche Züge von den Besatzungstruppen im Beschlag genommen wurden und die Kinder über keine Papiere verfügen, müssen sie sich zu Fuss durch Felder, Wälder und Flüsse kämpfen. Dabei treffen sie in einem verlassenen Haus auf Thomas (Kai Malina), einen schweigsamen, jungen Mann. Als sie weiterziehen, folgt Thomas ihnen. Lore hält ihn zuerst für einen Räuber oder Vergewaltiger, bis Thomas sie vor einer Gruppe amerikanischer Soldaten rettet, indem er die Fünf als seine Geschwister ausgibt. Bei diesem Zwischenfall erfährt Lore auch, dass Thomas Jude ist.

Es mag Zufall sein: Bereits letztes Jahr lief mit 4 Tage im Mai ein Film in Locarno auf der Piazza Grande, der vom Schicksal einer Gruppe von Kindern in den letztes Kriegstagen des Zweiten Weltkriegs handelte. Mit den selben Worten lässt sich nun auch die deutsch-australische Koproduktion Lore umschreiben, welche dieses Jahr auf der Piazza gezeigt wurde. Ob dies nun eine persönliche Vorliebe des Festivaldirektors Oliver Père widerspiegelt oder nur ein Zufall ist - die Unterschiede sind beim genaueren Hinsehen doch gross.

Da Lore zum grössten Teil von der Reise der Geschwister nach Hamburg handelt, lässt sich der Film im Grunde genommen als Roadmovie bezeichnen - obwohl der Begriff "Forestmovie" in diesem Fall wohl passender wäre, da gefühlte 90 Prozent der Szenen im Wald spielen. Das Problem bei Roadmovies ist bekanntlich, dass sie schnell repetitiv und eintönig wirken können. Cate Shortland schafft es in Lore nicht wirklich, dieses Problem zu bewältigen: Szenen mit viel Handlung (geschweige denn Spannung) sind eher dünn gesät, wobei dies auch auf die Romanvorlage zurückzuführen sein könnte. Eine andere Variante wäre, dass alle Szenen aus dem Buch, die für die filmische Umsetzung mehr als ein Duzend Kostüme und einen Militärjeep erfordert hätten, aus Budgetgründen gestrichen werden mussten. Der Film fühlt sich nämlich zeitweise so an, als würde er gerne eine epische Reise durch ein zerstörtes Land zeigen - man denke etwa an Meisterwerke wie Komm und sieh' -, dafür aber schlicht kein Geld vorhanden war.

Ausserdem erzählt Lore nichts, dass man nicht eh schon weiss, auch wenn er es anhand der Thematik der Leichenfotos, mit denen die Allierten die deutsche Bevölkerung zur Aufarbeitung des Holocaust zwingen wollten, zumindest versucht. Nicht hilfreich ist es, dass die Grundstory des Films ein reines Klischee ist: Strammes Hitlermädchen trifft auf einen Judenjungen, der ihre Weltvorstellung in sich zusammenfallen lässt. Das kennen wir irgendwie. Und vor allem wurde diese Story schon viel packender verfilmt, etwa als moderne Variante in Kriegerin. An letzterem Beispiel sah man auch, wie viel bei so einer Geschichte die Wahl der Hauptdarstellerin ausmacht. Saskia Rosendahl kann man zwar nicht gerade als Fehlbesetzung bezeichnen, sie wirkt aber oft, als käme sie direkt von der Schauspielschule.

Zugute halten muss man Shortland, dass sie ihre Geschichte angenehm unkitschig erzählt. Seine besten Momente hat der Film in intimen zwischenmenschlichen Szenen, in erster Linie zwischen Lore und Thomas. Dort zahlt sich die Wortkargheit des Drehbuchs und Detailbetontheit der Kameraführung aus. Auf die Dauer gesehen tragen aber auch diese Elemente, in Verbindung mit dem weitgehenden Fehlen von Filmmusik, zur Trägheit des Filmes bei. So ist Lore in erster Linie ein eher mühsames Seherlebnis.

/ Jonas Ulrich [jon]

Kommentare Total: 2

Granunaile

"Lore" ist einer der beeindruckendsten Filme, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Es mag stimmen, dass der Film "nichts, dass man nicht eh schon weiss" erzählt. Dies wäre wohl 67 Jahre nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes auch etwas viel verlangt. Der Film zeigt aber mit teils harten Bildern auf, wie eine Generation von jungen Menschen - repräsentiert durch Lore und ihre Geschwister - mit dem Zusammenbruch eines gesellschaftlichen und politischen Weltbildes fertig werden muss. Im Gegensatz zur mittleren und älteren Generation haben die Teenager des Jahres 1945 das Weltbild der Weimarer Republik nicht erlebt oder zumindest nicht bewusst. Sie kennen nur das Weltbild des Unrechtsstaates und müssen diesen Unrechtscharakter zuerst erkennen. Wenn der Autor Jon bemängelt, dass die meisten Szenen in Wäldern gedreht wurde und spöttisch von "Forrestmovie" (in Anlehnung an "Roadmovie") spricht und er unterstellt, dass dies aus Spargründen geschah, so liegt er meines Erachtens falsch. Eine Flucht vom Schwarzwald zur Nordsee durch mehrere Besatzungszonen und an Zonengrenzstationen und Militärkonvois vorbei kann kaum auf offener Strasse erfolgen.
Der Film hat vordergründig das Überleben Jugendlicher und deren innere Auseinandersetzung mit dem untergegangenen Dritten Reich zum Inhalt. (Der Flyer zum Film zitiert treffend DRS2: "den inneren, persönlichen Kampf, die Auto-Entnazifizierung".) Doch sieht die australische Produzentin Cate Shortland durchaus auch die Geschichte ihrer eigenen Heimat, in welcher Rasse und Herrenmenschentum ebenfalls fatale Rollen spielten.
Die Hauptdarstellerin spielt eine verunsicherte und deshalb auch zum Teil ungelenke junge Frau. Sie spielt das so gut, dass offenbar Jon darauf hereingefallen ist, wenn er bemängelt, diese wirke streckenweise so, als ob sie gerade von der Schauspielschule käme.

[Editiert von Granunaile am 2012-10-19 15:16:30]

jon

Filmkritik: Das Wandern ist des Müllers Lust

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Trailer Deutsch, mit französischen Untertitel, 02:14