Lincoln (2012)

Lincoln (2012)

  1. , ,
  2. 150 Minuten

Blu-ray-Review: Spannend, auch ohne Vampire...

Wotsch grad eis?
Wotsch grad eis? © 2012 Twentieth Century Fox Film Corporation. All Rights Reserved.

Der sechzehnte Präsident der Vereinigten Staaten Abraham Lincoln (Daniel Day-Lewis) ist bemüht, dem blutigen Bürgerkrieg ein Ende zu setzen und gleichzeitig den dreizehnten Verfassungszusatz durch den Senat zu bringen. Der kontroverse Gesetzentwurf verbietet Sklaverei jeder Art und stösst deswegen anfangs auf viele taube Ohren. Nord- und Südstaaten stehen auf Kriegsfuss, und die Sklaverei dient als Geldquelle. Zudem fürchten sich die "Weissen", die "Farbigen" könnten ihre Jobs klauen und zu mächtig werden.

Als Bärte noch "in" waren...
Als Bärte noch "in" waren... © 2012 Twentieth Century Fox Film Corporation. All Rights Reserved.

Lincoln muss sich aber nicht nur um die Abschaffung der Sklaverei und das siegreiche Ende des Krieges kümmern, sondern pflegt auch ein entspanntes Familendasein. Seine Frau (Sally Field) und die beiden Söhne Robert (Joseph Gordon-Levitt) und Tad (Gulliver McGrath) sind sein Ein und Alles. Unerwartete familieninterne Probleme, ein zum Scheitern verurteilter Gesetzesentwurf und ein erbarmungsloser, nicht enden wollenden Konflikt zwischen den Staaten setzen den Präsidenten, der bis heute nicht in Vergessenheit geraten ist, gewaltig unter Druck.

Steven Spielbergs Lincoln ist eine fesselnde Geschichtsstunde mit einer hervorragenden Besetzung. Daniel Day-Lewis verschwindet wie gewohnt in seiner Rolle und bietet eine nuancierte Performance, für die er zurecht das Goldmännchen nach Hause nehmen durfte. Für einen Spielberg-Film ist das historische Drama überraschend trocken und sachlich. Zwar zeigt er auch Lincolns Leben als Ehemann und Vater, doch das alles ganz ohne Pathos oder Kitsch. Es lohnt sich jedoch aufzupassen, denn die Geschichte ist spannend, die Dialoge sind grossartig. Man findet sogar einen überraschend grossen Anteil an Humor, für den neben Tommy Lee Jones vor allem das Trio James Spader, Tim Blake Nelson und John Hawkes verantwortlich ist. Sally Field ist ein wenig zu theatralisch und Gordon-Levitt passt irgendwie nicht ganz ins Jahr 1865, aber dies sind kleine Abstriche in einem sonst durch und durch handwerklich und erzählerisch tollen Film.

Janusz Kaminski hält sich für einmal zurück mit Kameratricks, exzessivem Filmkorn und Überbelichtung bis zum Umfallen. Grösstenteils kommt Spielbergs Neuester mit natürlichem Licht und statischer Kamera aus. Das Weisse Haus mit seinen dunkelgrünen Tapeten ist ein eher dunkler Ort, und so ist das Bild recht düster. Die tollen Schwarzwerte und guten Kontraste machen jedoch auch die dunkelsten Szenen visuell ansprechend. Auch die Detailschärfe stimmt, und eine ganz feine Schicht Filmkorn bleibt intakt. Ein Top-Transfer.

Denkt man daran, dass die Tonspur von Lincoln hauptsächlich von Dialogen dominiert wird, könnte man zum Schluss kommen, dass eine DTS-HD Master-7.1-Tonspur unnötig sei. Die Wahrheit liegt aber weit von dieser Annahme entfernt. Gary Rydstrom und Ben Burt dürften Namen sein, bei denen jeder Audiophile die Ohren ganz besonders spitzt. Das oscarprämoierte Team hinter Jurassic Park und anderen Blockbustern darf hier sein Können auf subtile, aber nicht minder effektive Weise zeigen. Sei es grollender Donner, flüsternde Stimmen oder Kutschen auf schlammigem Boden: Die Blu-ray-Tonspur kreiert eine akustisch bis ins letzte Detail definierte Atmosphäre, die immer den ganzen Raum ausnützt. Ein gutes Beispiel für die Harmonie der acht Kanäle ist die Szene, in der die mit Leichenteilen gefüllte Schubkarre durch das gesamte Schallfeld geschoben wird. Der Ton des Films mag vordergründig unspektakulär sein, doch diese Blu-ray zeigt, wie raffiniert im Sound-Departement gearbeitet wurde.

Im Gegensatz zu den Amerikanern erhalten wir hierzulande die volle Ladung Extras, ohne eine Special-Edition kaufen zu müssen. Rund 80 Minuten an Bonusmaterial in HD, aufgeteilt in sechs Featurettes, wurden auf die Scheibe gepresst. Den Anfang macht Journey to Lincoln. Dieser gibt einen kleinen Einblick in die Entstehung des Filmes. Gefolgt wird dieses eher durschnittliche Featurette vom interessanteren A Historic Tapestry: Richmond, Virginia. Hier wird in nur vier Minuten erklärt, wehalb dieser Drehort für die Produktion wichtig war und wie man die historische Kulisse gar nicht mehr gross verändern musste, um sie als Filmset zu benutzen. Rund um die Besetzung kann man sich im Special In the Company of Character schlaumachen. Hier wird einem erneut bewusst, wie sorgfältig Spielbergs Film gecastet wurde. Crafting the Past beeindruckt. Die Detailverliebtheit der Requisiten und Kostüme ist immens, und das Feature verdeutlicht dies auf spannende Weise. Zudem erfahren wir etwas über Tommy Lee Jones' Liebe zu Windhunden. Das Kernstück des Zusatzmaterials ist im Menu unter Living with Lincoln aufrufbar. Dieses halbstündige Making-of berichtet erneut in überblickendem Stil über die Produktion, ohne jemals Doppelinformationen zu liefern. Das Bonusangebot wird mit In Lincoln's Footsteps erneut sehr spannend abgerundet. Der legendäre Komponist John Williams kommt zu Wort, und der nicht minder geniale Sounddesigner Ben Burtt erzählt über ein ganz, ganz wichtiges Ticken, dass im Film zu hören ist. So ist die Fülle an Extras zwar nicht unüberschaubar, doch angemessen für einen Film dieses Kalibers.

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. Twitter
  5. Letterboxd

Kommentare Total: 6

Nummer1

Letztlich ist dieser Film ein urtypischer, us-amerikanischer Unterrichtsfilm, dessen unfassbare Trockenheit nur durch grandiose Hauptdarsteller, hochwertige Kullissen und unauffällige Spezialeffekte abgefangen wird. Das ändert leider nichts daran, dass dieser Film nicht nur viele Nichtamerikaner zum Einschlafen animieren wird. Ich habe jedoch nie das Gefühl, dass hier ein hochspannender Stoff dröge verpackt wurde. Vielleicht eignen sich die damaligen Ereignisse trotz ihrer immensen Wichtigkeit nicht für eine interessante Verfilmung. Und so bleibt ein unfassbar teuer Unterrichtsfilm, der an amerikanischen Schulen sicher seinen Zweck erfüllt. Ich stimme übrigens zu, was die Dunkelheit des Filmes angeht. Hier wurde eindeutig zu heftig an den Bildparametern geschraubt.

daw

Ich kann mich der Kino-Kritik absolut anschliessen! Irgendwie hätte es ein wenig mehr Dramatik und Spannung vertragen können. Die schauspielerische Leistung ist 1A und die Kulissen ebenfalls imposant. Allerdings für meinen Geschmack etwas zu dunkel.

ma

Blu-ray-Review: Spannend, auch ohne Vampire...

Kommentar schreibenAlle Kommentare anzeigen