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Le jour des corneilles (2012)

Le jour des corneilles (2012)

Oder: Waldmann junior sucht die Liebe

Waldmann und Sohn in ihrer natürlichen Umgebung

Waldmann und Sohn in ihrer natürlichen Umgebung

In einer stürmischen Nacht bringt ein wilder, bärtiger Mann ein neugeborenes Kind in den Wald. Er zieht sich vollends dorthin zurück und kehrt den Menschen ausserhalb für immer den Rücken. Seinem kleinen Sohn, den er alleine aufzieht, droht er, dass er niemals den Wald verlassen dürfe, da man verschwindet, sobald man diesen verlässt. Je älter der Junge wird, stellt dieser sich jedoch immer mehr Fragen über die Welt ausserhalb. Ohne dass der Vater dies weiss, kann der Kleine zudem die Geister von Verstorbenen sehen; so kann er auch immer wieder mit seiner verstorbenen Mutter zusammen sein.

*schrub, schrub* Hihi, das kitzelt!

*schrub, schrub* Hihi, das kitzelt!

Als sich der Vater schwer verletzt, beschliesst der Junge, den Schutz des Waldes zu verlassen. Er bringt den Vater in eine nahe gelegene Kleinstadt, wo er bei einem Arzt Hilfe und Unterschlupf findet. Dort schliesst er schnell Freundschaft mit Manon, der Tochter des Arztes, die ihm hilft, den Kulturschock zu überwinden und sich in der Zivilisation zurechtzufinden. Doch der Vater möchte von der Menschenwelt nichts wissen; und auch die Bewohner der Stadt protestieren gegen die Anwesenheit des Waldmannes, den sie aus der Vergangenheit kennen. Als der Junge beschliesst, herauszufinden, wieso sein Vater voller Wut ist, konfrontiert ihn dies mit seiner eigenen Herkunft.


Film-Rating

In Zeiten, in denen sich Animationsfilme oft durch perfekte (Computer-)Animationen auszeichnen, in Sachen Handlung jedoch leider auch häufig recht generisch daherkommen, sind Filme wie Le jour des corneilles eine willkommene Abwechslung. Nicht nur die fast schon traditionelle Zeichentrickanimation, welche gerade in den Naturszenen zu Beginn des Filmes einfache, sehr realitätsnah gehaltene Bilder präsentiert, hebt sich vom Gros der Animationsfilme ab; auch die Geschichte verortet sich auf ganz eigene Weise zwischen Kinder- und Erwachsenenfilm. Im Zentrum von Jean-Claude Dessaints Langfilmdebüt, das auf dem gleichnamigen Roman von Jean-François Beauchemin beruht, steht nämlich der Umgang mit Verlust und dem Tod geliebter Menschen. Gekonnt schafft Dessaint damit die Balance zwischen vergnüglichem Animationsfilm und ernster Thematik.

Schön ist, dass der Film darauf verzichtet, sämtliche Ereignisse und Wendungen bis aufs Letzte zu erklären; das ist aber auch gar nicht nötig. Gerade weil sich die Naivität und Unschuld des kleinen Protagonisten - der bis zum Ende des Filmes namenlos bleibt - in diesen erzählerischen Lücken spiegeln, passt dies perfekt zum märchenhaften, zuweilen fast poetischen Ton des Filmes. Kann man zu Beginn die seltsamen Waldbewohner mit den Menschenkörpern und den Tierköpfen noch nicht ganz einordnen, findet man genauso wie die vife Hauptfigur bald den Weg in diese seltsame Welt, deren Geheimnisse mit zunehmender Filmlaufzeit auch einwandfrei aufzuschlüsseln sind.

Glücklicherweise stellt der Film mehr als eine einfache Gegenüberstellung von heiler Natur und korrumpierter Zivilisation dar, denn völlig idyllisch ist das Leben in der vom Menschen weitgehend unberührten Natur nicht. Gerade im Versuch, diese beiden Bereiche miteinander zu verbinden, zeigt sich die Stärke des Filmes: Anstatt einer actionreichen Abenteuergeschichte wird mit der Figur des liebenswerten Waldkindes auf differenzierte Weise der Umgang mit Verlust, Trauma und Tod thematisiert und auf ebenso einfühlsame wie unterhaltsame Weise reflektiert.

Le jour des corneilles ist ein kleiner, aber feiner Trickfilm, der statt Schenkelklopfhumor feinen Humor und anstelle von spannender Action eine schlüssige, über lange Strecken unaufgeregte Geschichte erzählt, in die man gerne eintaucht. Als kleines Sahnehäubchen bekommt man zu den grossartigen Bildern einige berühmte Stimmen zu hören, wobei neben Jean Reno als Vater Courge besonders der freundliche Arzt heraussticht. Dieser wurde nämlich von Claude Chabrol gesprochen, was somit dessen letzte Rolle war vor seinem Tod im Jahr 2010.


OutNow.CH:

Bewertung: 4.0

 

10.09.2013 / pps

Community:

Bewertung: 4.0 (4 Bewertungen)

 

 

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