Great Expectations (2012)

Grosse Erwartungen

Great Expectations (2012) Grosse Erwartungen

Oder: Vom Aufstieg eines Waisenjungen

"Gib mir sofort meinen Rasierapparat wieder!"

"Gib mir sofort meinen Rasierapparat wieder!"

Der Vollwaise Pip (Toby Irvine) wächst bei dem gutmütigen Schmied Joe (Jason Flemyng) und dessen einnehmender Frau (Sally Hawkins) auf. Eines Tages trifft er auf dem nahegelegenen Friedhof den flüchtigen Verbrecher Magwitch (Ralph Fiennes), der ihn um Hilfe bittet. Wenig später wird Pip von der exzentrischen Miss Havisham (Helena Bonham Carter) auf ihr Schloss gebeten, um ihre Tochter Estella (Holliday Grainger) zu unterhalten. Er verliebt sich in das junge Mädchen, wird jedoch nach kurzer Zeit des Schlosses verwiesen und sieht sie nie wieder.

"Hast du mein 'War Horse' gesehen?"

"Hast du mein 'War Horse' gesehen?"

Zehn Jahre sind vergangen, und Pip (Jeremy Irvine) arbeitet inzwischen an der Seite seines Ziehvaters. Da kommt er plötzlich völlig überraschend durch einen Unbekannten zu einem grossen Vermögen. Nichts hält ihn mehr im Hause des Schmieds, und er zieht nach London, um ein Gentleman zu werden. Mit Hilfe des gewieften Anwalts Mr. Jaggers (Robbie Coltrane) gelingt ihm der Aufstieg in der Gesellschaft, und nach langer Zeit trifft er wieder auf Estella. Seine grossen Erwartungen um Liebe und Ansehen beginnen zu schwinden, als er mit der Zeit zu erahnen beginnt, wer sein unbekannter Gönner ist.


Film-Rating

1861 erschien Charles Dickens' Klassiker Great Expectations erstmals in Buchform. Nachdem sich bereits David Lean 1946 und Alfonso Cuarón 1997 an einer filmischen Umsetzung versuchten, ist es nun gut 150 Jahre nach Erscheinen des Buches der Regisseur Mike Newell (Harry Potter & The Goblet of Fire), der die Dickens-Vorlage adaptiert.

Mit finanzieller Unterstützung der BBC orientiert sich Newell stark an der Vorlage und schafft zusammen mit dem Drehbuchautor David Nicholls einen atmosphärisch dichten Film. Die ärmlichen Verhältnisse, in denen Pip aufwächst, sowie die einsame, aber zugleich schöne Landschaft vor den Toren Londons werden mit meist dunkel gehaltenen, leicht gespenstischen Bildern eingefangen. Insbesondere die Szenen im Schloss Havisham sind äusserst düster, untermalen jedoch die Einsamkeit und Verzweiflung, in der sich die Dame des Hauses befindet, wunderbar. Mit modernster Computertechnik dagegen wird das London des 19. Jahrhunderts zum Leben erweckt. Der Gegensatz zwischen Arm und Reich, der Dreck und das ständige Treiben in der Grossstadt werden verblüffend real dargestellt und vermitteln ein eindrucksvolles Bild, wie es einst dort ausgesehen haben muss.

Newells Umsetzung überzeugt nicht nur durchwegs durch das gute britische Cast, sondern vor allem durch ihre Nähe zum Roman und die dezente Liebe zum Detail. Die Charaktere haben alle Glaubwürdigkeit und Tiefe, dramatische Passagen werden hervorgehoben, stechen aber nie zu sehr heraus. Besonders überzeugen können neben dem starken Jeremy Irvine vor allem Helena Bonham Carter als skurrile verlassene Braut und Ralph Fiennes als gequälter Verbrecher.

Dank der starken Eröffnungsszene auf dem Friedhof erhält der Film von Beginn an etwas Mysteriöses, bis sich alle Handlungsstränge zum Ende zusammenfügen. Eine überzeugende Dickens-Verfilmung, die trotz ihrer Länge nie langweilig wird und der man sich gerne hingibt.


OutNow.CH:

Bewertung: 5.0

 

06.11.2012 / jst

Community:

Bewertung: 4.3 (5 Bewertungen)

 

 

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