Flight of the Storks (2012)

Flight of the Storks (2012)

  1. , ,
  2. , ,
  3. 180 Minuten

Filmkritik: One flew over the stork's nest

Der hat mehr als nur einen Vogel
Der hat mehr als nur einen Vogel © Concorde

Als Jonathan (Harry Treadaway) auf der Storchenranch seines Adoptivvaters Max (Danny Keogh) vorfährt, will er sich eigentlich von ihm verabschieden. Sie arbeiten gemeinsam an einem Projekt, das die Reiseroute von Störchen analysiert. Max gilt als grosser Experte auf dem Gebiet und schickt Jonathan über den Balkan und Israel nach Afrika, wo er sich jeweils mit spezialisierten Ornithologen treffen soll. Gleichzeitig ist es für Jonathan eine Reise in die Vergangenheit: Er wuchs im Kongo auf, bis seine Eltern vor vielen Jahren im Feuer den Tod fanden.

Zur geplanten Verabschiedung kommt es aber nicht. Jonathan findet Max tot in einem Storchennest auf, die Augen sind ausgepickt, die Eingeweide quillen aus dem Bauch. Scheinbar unbeirrt begibt sich Jonathan trotzdem auf die Reise mit den Störchen. Als er dann die vermeintlichen Storchenspezialisten in bizarren Nachtklubs des bulgarischen Untergrunds trifft und kurz darauf in eine Schiesserei verwickelt wird, fragt nicht nur er sich bald, was es wirklich mit diesen Störchen auf sich hat.

Jan Kounen hat seine zweiteilige Mini-TV-Serie Flight of the Storks zu einem mystischen, phantastischen Filmerlebnis zusammengeschnitten. Vom Surrealen und Mystischen angetrieben, entwickelt der Thriller eine Story, die sich - wie seine Szenen - bewusst einander entziehen und zwischendurch den Puls hochjagen. Der etwas unklar verhandelte Plot rückt glücklicherweise bald in den Hintergrund und macht den Bildern Platz, die einen spannungsgeladenen und sehenswerten Streifen generieren.

"Alles ist heutzutage verfolgbar. Ausser die Vögel, die gehen, wohin sie wollen." Was der Film selber sagt, geschieht auch mit ihm. Der vogelfreie Jonathan, dem man nachreist, scheint von Zeit und Ort und unabhängig zu sein. Einerseits gerät er nahezu ohne Probleme über Osteuropa und Israel in den Kongo. Beinahe schon traumwandlerisch vollzieht er seine Reise den (im wahrsten Sinne des Wortes) verdammt mysteriösen Störchen nach. Üble Halluzinationen, Tausende offene und verwirrende Fragen sind seine Begleiter, was zur Folge hat, dass man streckenweise nicht mehr ganz durchblickt, wie die Erzählstränge miteinander verknüpft sind. Die hin und wieder unbeholfen scheinenden Dialoge helfen bei der Sinnfindung auch nicht wirklich weiter, doch mit etwas Goodwill lässt sich sagen: Dieses nihilistische Blitzlichtgewitter hat durchaus Methode.

Nur schon unter den unzähligen Storchennestern in der flachen Landschaft wähnt man sich wie auf einem anderen Planeten. Vom ersten Moment an scheint alles sehr surreal, und der Film macht dies in vielen expliziten Szenen deutlich. Er entzieht sich trotz klarer Zielführung immer wieder einer endgültigen Sinnzuschreibung, und auch als Jonathan für einmal Glücksmomente erleben darf, bieten diese nicht ein entlastendes Aufatmen, sondern sie rücken dadurch die Absurdität des Ineinander von Himmel und Hölle in den Fokus. Die beklemmende Stimmung selbst in den lichten Momenten zieht sich durch den ganzen Film und macht Flight of the Storks zu einem regelrechten Psychothriller.

Was in diesen gut zwei Stunden abgeht, ist ein intensiver, abgespacter Trip. Man sitzt förmlich in Jonathans Hirn, und das macht so einiges durch. Von Absinth über Gras bis hin zu verbotenen Betäubungsmitteln - die Fülle an halluzinogenen Wirkstoffen, die sich der junge Mann in die Birne donnert, ist beträchtlich. Und der Film liebt es, mit diesen Erlebnissen zu spielen. Dadurch wird Flight of the Storks zu einem fantasievollen und verstörenden Flash, der seinen Höhepunkt in einem gewaltigen Kurzschluss auf allen Ebenen findet.

Der Film bleibt sich auch hier treu und versucht keineswegs, nachträglich dem Ganzen künstlich Sinn aufzupfropfen. Das entscheidende Aha-Erlebnis bleibt konsequenterweise aus, die Situation ergiesst sich im gelöst Ungelösten. Die Welt bleibt eine Welt voller Verrückter, in der immer wieder mal einer über das Kuckucks- äxgüsi, das Storchennest fliegt.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. facebook
  4. Instagram
  5. Website