Flight (2012)

Flight (2012)

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  2. 138 Minuten

Filmkritik: Über den Wolken muss der Alkoholkonsum wohl grenzenlos sein

"Ich bin voll - also voll bereit..."
"Ich bin voll - also voll bereit..."

Der geschiedene Familienvater und Pilot Whip Whitaker (Denzel Washington) ist dem Alkohol überhaupt nicht abgeneigt. Gerne trinkt er mal am Vorabend eines Fluges oder auch an Bord, um den Tag durchzustehen. Eines Tages geschieht die Katastrophe: Aufgrund des Versagens eines Flugzeugteiles befindet sich seine vollbesetzte Maschine plötzlich im Tiefflug. Mit Hilfe eines wahnwitzigen Manövers gelingt es Whitaker jedoch, die Maschine mehr oder weniger sanft auf einem Feld zu landen. Sechs Leute sterben bei dem Absturz, doch hätte Whitaker nicht so reagiert, wäre es schlimmer gekommen.

Inception?
Inception?

Logischerweise wird er nach seiner Entlassung aus dem Spital wie ein Held gefeiert. Nur dumm, dass ihm noch im bewusstlosen Zustand im Krankenhaus Blut abgenommen wurde und der Toxscan eine nicht kleine Promillezahl Alkohol anzeigt. Sein Freund Charlie (Bruce Greenwood) und der Anwalt Hugh Lang (Don Cheadle) versuchen die Beweise zu beseitigen, doch bei ihren Bemühungen ist ihnen Whitaker keine grosse Hilfe: Der Pilot beginnt nach kurzer Abstinenz wieder in hohem Masse zu trinken und setzt damit nicht nur seine Karriere aufs Spiel.

Die Amis lieben ihre Heldengeschichte. Als Chesley B. Sullenberger im Januar 2009 ein Flugzeug sicher auf dem Hudson notlandete und alle Menschen an Bord rettete, kam keiner an dem Piloten vorbei - sei dies in TV-Sendungen, Zeitungen oder im Internet; ein richtiger Held, der gebürtig gefeiert werden musste. Uns Europäern gehen solche Geschichten dann mal schnell auf den Wecker, und die Berichterstattung ist irgendwann mal des Guten zu viel. Ob dies Robert Zemeckis auch so sieht, ist nicht bekannt. Seine Hauptfigur in Flight ist auf jeden Fall so ziemlich das Gegenteil des strahlenden Helden, und dank der Verkörperung durch Denzel Washington sehen wir hier schauspielerisches Können auf höchstem Niveau. Schade, dass Zemeckis mit seiner langgezogenen Story und einem schwachen Schlussakt dem nicht ganz gerecht wird.

12 Jahre nach Cast Away dreht Zemeckis mit Flight wieder einmal mit Menschen, nachdem er in der letzten Dekade bei der Animation tätig war. Er kann sich bei seiner Rückkehr auf einen starken Hauptdarsteller verlassen. Auch wenn Washington in letzter Zeit mehr Actionware drehte (Pelham 123, Safe House), gehört der zweifache Oscarpreisträger immer noch zu den besten Schauspielern unserer Zeit. Dies demonstriert er hier erneut mit der Figur des Walt Whitaker, der eigentlich eine unmögliche Person ist, den Washington aber so glaubhaft und intensiv spielt, dass man ihm gebannt zuschaut. Er ist auch der Grund, warum der Film grösstenteils funktioniert.

Mit 142 Minuten ist Flight aber definitiv zu lange geraten. Indem sie eine Drogensüchtige involvieren, schafften Zemeckis und Drehbuchautor John Gatins einen weiteren, aber etwas unnötigen Brandherd. Kelly Reillys Nicole entspricht genau dem Stereotyp der gescheiteren Künstlerin, die wegen Erfolglosigkeit auf die schiefe Bahn gerät. Ihr Part interessiert nicht wirklich, und Wichtiges zur Story trägt sie auch nicht bei. Bruce Greenwood und Don Cheadle als Feuerwehrmänner der Wirtschaftsbranche überzeugen derweil mit ihrer Darstellung. Ein anderer berühmter Name im Cast ist derjenige von John Goodman, dessen lauter und ungehobelter Drogendealer jedoch völlig über das Ziel hinausschiesst und so wirkt, als wäre er aus einem anderen Film. Fehlt eigentlich nur noch, dass er "Shut the fuck up Donnie!" ruft.

Goodman ist dann auch derjenige, welcher den Schlussakt einleitet - ein Schlussakt, der nicht hundertprozentig zufrieden zurücklässt. Die Hauptfigur macht darin eine Entwicklung durch, die, aufgrund der Szene zuvor, nur schwer zu schlucken ist.

Fazit: Flight ist ein stark gespieltes Drama über Alkoholsucht und das Heldendasein. Zemeckis‘ Film gefällt über weite Strecken, auch wenn gewisse Längen nur schwer abzustreiten sind. Washington kämpft aber mit vollem Körpereinsatz gegen die Drehbuchschwächen an und schafft es auch, die weniger glaubwürdigen Abschnitte erträglich zu machen. Alleine wegen seiner Performance ist der Film letzten Endes sehenswert.

/ crs

Kommentare Total: 5

solarkritik

Super-Film. Nie Langweilig. Für den Zuschauer wahrhaftig eine moralische Gradwanderung, die zum Schluss sehr zutreffend aufgelöst wird. Klasse Leistung von Denzel Washington, zurecht oscar-nominiert. Die DVD hat sehr informative Making-Ofs

muri

Blu-ray-Review: Don't drink and fly!

woc

Ich mag Denzel in dieser Rolle. Genau so überzeugt er mich. Es ist kein typischer Zemeckis-Film, somehow, aber man erkennt sein Talent darin. Klar wird mit Alkoholismus wiedereinmal ein für Hollywood klassisches Thema verwurstet, überzeugen tut Flight trotzdem.

Ich fand schon, dass Nicole einen Beitrag zu Whits Arc beiträgt. Und auch der Schluss, welcher die Ambivalenz von Whit passend darstellt, macht Sinn.

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