Une Estonienne à Paris (2012)

Une Estonienne à Paris (2012)

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  2. 94 Minuten

Filmkritik: Zwei Frauen in einer Stadt

Die Pflicht ruft
Die Pflicht ruft © Studio / Produzent

Nach dem Tod ihrer Mutter in Estland bekommt Anne (Laine Mägi) eine Stelle als Haushälterin in Paris angeboten. Sie soll auf die 80-jährige Frida (Jeanne Moreau) aufpassen, die kürzlich Selbstmord begehen wollte. Da sie sonst nichts mehr mit Estland verbindet - ihre Kinder sind schon längst ausgezogen und stehen auf eigenen Beinen - beschliesst sie, nach Paris zu gehen, in die Stadt ihrer Jugendträume. Doch schon bald merkt Anne, dass sie in ihrem neuen Zuhause nicht erwünscht ist. Frida macht ihr das Leben zur Hölle und will, dass sie so schnell wie möglich verschwindet. Als jedoch Stéphane, ein alter, jüngerer Liebhaber Fridas, Anne bittet, nicht zu gehen, wendet sich die Situation.

Ein eigenartiges Paar
Ein eigenartiges Paar © Studio / Produzent

Frida, die in ihren Jugendjahren bekannt war für ihre Affären, ist eine Einzelgängerin und scheint ausser Anne und Stéphane niemanden mehr zu haben. Anne hört ihr zu, bringt ihr das Frühstück zu Tisch und scheint ihr zu folgen. Zudem merkt Frida, dass sie viele Gemeinsamkeiten mit Anne hat - eine innige Freundschaft beginnt zwischen den beiden Frauen. Sie unternehmen vieles zusammen - die alte Frau traut sich sogar wieder aus dem Haus, was vor Kurzem nicht möglich gewesen wäre. Fridas Lebensfreude ist zurück, sie scheint wieder die Alte zu sein. Doch schon bald kehrt Unruhe ins Haus und die Situation wendet sich zum Neuen. Hält die Freundschaft die Turbulenzen aus oder ist das Fass nun endgültig voll?

Zwei Frauen in Paris, die von einem neuen Leben, in einer neuen Stadt träumen: Das ist die Ausgangslage der Geschichte in Une Estonienne à Paris. Inspiriert wird der Regisseur Ilmar Raag von seiner Mutter, die wie die Hauptfigur im Film eine alte Frau in Paris gepflegt hat und total verändert wieder nach Hause zurückgekehrt ist. Anscheinend führte dieser Wandel zu einer zweiten Ehe, die bis heute perfekt ist - seine Mutter ist glücklicher denn je. Diese eigenartige Rückkehr und die sichtbare Veränderung einer nahestehenden, geliebten Person geben Ilmar Raag den Stoff, diesen einzigartigen Film über zwei Frauen und zwei Kulturen zu drehen.

Inhaltlich ist Une Estonienne à Paris äusserst interessant. Es handelt sich nicht nur um zwei Frauen, sondern auch um zwei Kulturen, die bei genauerem Hinsehen ziemlich unterschiedlich sind. Estland und Frankreich (Paris) sind zwei Länder mit verschiedenen Werten, Bräuchen und Regeln. Schon bei ihrer Ankunft in Paris wird Anne mit neuen Regeln überrascht. In Frankreich zieht man sich beispielsweise die Schuhe beim Eintreten des Hauses nicht zwingend aus, während dies im verschneiten Estland gang und gäbe ist. Solche Feinheiten verleihen dem Film schon zu Beginn einen ganz besonderen Humor und zeigen geschickt die Differenzen zwischen den beiden Kulturen auf.

Der Witz und Humor ist sicherlich nicht nur den inhaltlichen Details zu verdanken, sondern auch der französischen Schauspielerin Jeanne Moreau. Sie gilt als eine der bedeutendsten Charakterdarstellerinnen Frankreichs und könnte auch hier die Rolle von Frida nicht besser verkörpern. Mit ihrem Charme spielt sie eine alte, verbitterte Frau mit einer solchen Leichtigkeit, dass man von ihr nicht genug bekommen kann. Sie setzt ihre Gesten und Mimik hervorragend ein und bringt den Zuschauer öfters zum Lachen.

Nicht gar so erfreulich sind die Bilder der Stadt. In einer solchen Geschichte wäre es durchaus angemessen gewesen, wenn man etwas mehr von Paris gesehen hätte. Zu Beginn sieht man Anne nur für kurze Zeit auf den Pariser Strassen und dann vor allem, wie sie Dessous und schöne Kleider in Schaufensterläden anschaut. Pariser Kaffehäuser, Seitengassen, oder die von Menschen befallene Champs Elysées fehlen ganz. Das Gefühl, in Paris zu sein, bekommt man als Zuschauer nicht wirklich vermittelt.

Nichtsdestotrotz ist Une Estonienne à Paris ein bewegendes Drama, das das Leben estnischer Migranten in Paris sehr realitätsnah und glaubwürdig veranschaulicht. Es ist eine erfrischende, witzige und zugleich aber auch traurige Geschichte, die Einblick in einen eher nicht bekannten Kulturkreis bietet und dabei dem Zuschauer immer ein Lächeln abgewinnt.

/ dsa

Trailer Französisch, 01:37